„85 Sekunden bis zur Vernichtung der Menschheit“ – Die gleichzeitige Verschlechterung von Nuklearwaffen, Klima und KI

„85 Sekunden bis zur Vernichtung der Menschheit“ – Die gleichzeitige Verschlechterung von Nuklearwaffen, Klima und KI

„85 Sekunden bis zur Apokalypse“. Diese Zahl allein lässt einen unwillkürlich zusammenzucken. Die in Chicago ansässige gemeinnützige Organisation „Bulletin of the Atomic Scientists“ hat die symbolische „Weltuntergangsuhr“ auf 85 Sekunden vor Mitternacht, dem symbolischen Moment der Zerstörung, gestellt. Sie ist damit um 4 Sekunden vorgerückt und steht so nah an Mitternacht wie nie zuvor in der Geschichte.


Diese Uhr ist jedoch kein Gerät, das „wirklich vorhersagt, dass die Welt in 85 Sekunden endet“. Sie ist ein symbolischer Alarm, der von Experten jährlich basierend auf der aktuellen Lage zeigt, wie dringend die von der Menschheit selbst geschaffenen „Katastrophenrisiken“ wie Nuklearwaffen, Klima oder Spitzentechnologien sind. Deshalb ist die aktuelle „4-Sekunden-Verschiebung“ nicht leicht zu nehmen, denn die Krisen schreiten nicht einzeln, sondern „gebündelt“ voran.


Was die „85 Sekunden“ vorangetrieben hat: Nuklearwaffen, Kriege und bröckelnde Verträge

In der aktuellen Ankündigung wurde betont, dass die Konflikte zwischen den Atommächten schärfer werden und die Rüstungskontrolle ausgehöhlt wird. Die „Härte“ von Großmächten wie den USA, Russland und China nimmt zu, und die Rahmenbedingungen für nukleare Abrüstung und Nichtverbreitung geraten ins Wanken.


Symbolisch ist der Verlauf der wichtigsten Vereinbarungen zur Begrenzung der strategischen Nuklearwaffen zwischen den USA und Russland. Die Erklärung warnt davor, dass das New START-Abkommen, die letzte große Vereinbarung zur Begrenzung der strategischen Nuklearwaffen der USA und Russlands, ausläuft und dass die Wiederaufnahme explosiver Nukleartests auf US-Seite erwogen werden könnte, was die nukleare Aufrüstung erneut beschleunigen könnte.
(Hinweis: In den Berichten wird betont, dass die Frist für New START näher rückt und die Unsicherheit über eine Verlängerung groß ist.)


Zudem wiegt die Tatsache schwer, dass „Konflikte im Schatten der Nuklearwaffen“ gleichzeitig ausbrechen. Der Krieg in der Ukraine dauert an, und auch im Nahen Osten bleibt die Spannung hoch. Solche Situationen können leicht zu ungewollten Eskalationen (zufälligen Ausweitungen) führen. Das Bulletin wiederholt seine Besorgnis, dass das Risiko des Einsatzes von Nuklearwaffen „inakzeptabel hoch“ ist.


Klimakrise: Die „Verschlechterungskette“ in Zahlen

Die Weltuntergangsuhr betrachtet nicht nur Nuklearwaffen. Die aktuelle Erklärung beschreibt die Klimakrise nicht als bloße „zukünftige Sorge“, sondern als „gegenwärtiges Katastrophenrisiko“, das bereits Schaden anrichtet. Konkrete Indikatoren wie der Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre, Rekordtemperaturen, der Meeresspiegelanstieg, die Zunahme von Dürren und Überschwemmungen sowie zahlreiche Todesfälle durch Hitzewellen werden aufgelistet, um zu zeigen, dass die Krise sich als komplexe Katastrophe ausbreitet.


Auch die Kritik an der Politik wird angesprochen. Die Prioritäten internationaler Konferenzen und die Reaktionen der Länder werden mit starken Ausdrücken von „unzureichend“ bis „destruktiv“ beschrieben, wobei die Verzögerung der Krisenbewältigung selbst als Risikofaktor behandelt wird.


KI: Beschleunigung der Kriegsentscheidungen und des „Informationsuntergangs“

Besonders diskutiert wurde in den Berichten die Rolle der KI. Im Kontext der Weltuntergangsuhr gibt es zwei Schwerpunkte, wenn über KI gesprochen wird.


Der erste Punkt ist die Integration in das Militär. Während KI schnell in Bereiche wie Kommando und Kontrolle, Einsatzplanung, autonome Systeme und Cyber eindringt, wird die Auswirkung ihrer Blackbox-Natur und Fehler (sogenannte „Halluzinationen“) auf Entscheidungsprozesse befürchtet. Es wird angedeutet, dass KI in die Entscheidungsunterstützung für den Einsatz von Nuklearwaffen integriert werden könnte, und selbst wenn „die letzte Entscheidung beim Menschen liegt“, könnte das Maß der Abhängigkeit gefährlich werden.


Der zweite Punkt ist **Desinformation**. Die Kombination aus generativer KI und sozialen Netzwerken erhöht die Geschwindigkeit der Verbreitung von Falschinformationen und Hetze, zerstört die gesellschaftliche Konsensbildung und führt zu Fehlentscheidungen in Krisenzeiten. An der Ankündigung nahm auch die Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa teil, die sich gegen Desinformation und Machtmissbrauch einsetzt und mit starken Worten wie „Informations-Armageddon“ warnte.


Neue Risiken in der Biologie: Die „spiegelbildlichen Lebensformen“ als „sci-fi-artige Realität“

Wenn die Diskussion über die Weltuntergangsuhr auf „Nuklearwaffen und Kriege“ beschränkt wird, wird das aktuelle Spektrum verfehlt. Die Erklärung besagt, dass auch im Bereich der Lebenswissenschaften potenziell katastrophale Risiken zunehmen. Ein Symbol dafür ist die Warnung vor der Synthese von „spiegelbildlichen Lebensformen“, bei denen Moleküle spiegelverkehrt sind. Es besteht die Sorge, dass sich selbstreplizierende spiegelbildliche Zellen der normalen Kontrolle der Ökosysteme entziehen und weitreichende Auswirkungen haben könnten. Zudem wird die Möglichkeit, dass KI das Design neuer Krankheitserreger „unterstützen“ könnte, als eine andere Art von Bedrohung genannt.



Reaktionen in sozialen Netzwerken: Die Temperaturunterschiede rund um den „Weltuntergang“ führen direkt zu Spaltungen

Die aktuelle Weltuntergangsuhr wurde nicht nur als Nachricht verbreitet, sondern auch in sozialen Netzwerken „konsumiert“. Die Reaktionen lassen sich grob in vier Kategorien einteilen.


1) Zynismus und Gewöhnung: „Schon wieder näher dran? Und was dann?“

In Foren sind distanzierte Reaktionen wie „Es ist sinnlos, sich darum zu kümmern“ oder „Wer entscheidet das?“ auffällig. In einem Thread kam ein Kommentar mit der knappen Frage „Why care?“ (Warum kümmern?) unter die Top-Antworten, was die Distanz zur Form der Warnung widerspiegelt.


2) Humor: „Wie das ‚1, 2, 2 und ein halbes‘ von Mama“

Andererseits gibt es auch die Tendenz, schwere Themen in Humor zu verwandeln, um damit umzugehen. Beispielsweise wurde die Weltuntergangsuhr mit dem Gefühl verglichen, wenn eine Mutter „bis drei zählt“, oder es wurde sarkastisch vorgeschlagen, sie in „Rapture Clock“ (Uhr des Jüngsten Gerichts) umzubenennen, was viel Zustimmung fand.


3) Ernsthafte Besorgnis: „Willst du warten, bis die Raketen fliegen?“

Im selben Thread wurde hinter den Witzen auch die resignierte Besorgnis geäußert, dass „die Menschen wirklich erst dann aufmerksam werden, wenn die Raketen fliegen“. Je stärker die Warnung, desto mehr spaltet sich das „Realitätsgefühl“ der Empfänger.


4) Appelle für KI- und Nuklearabrüstung: „Regulierung und Abrüstung“, „Das Nuklearrisiko steigt“

Auf Plattformen wie X (ehemals Twitter) gibt es zunehmend Posts, die die Weltuntergangsuhr mit „politischen Appellen“ verbinden. Aus der Perspektive der Forderung nach nuklearer Abrüstung und dem Verbot von Nuklearwaffen verbreiten sich Posts, die behaupten, „das Nuklearrisiko steigt“, und auch die Forderung nach „Kontrolle der militärischen Nutzung und Desinformation“ im Zusammenhang mit KI wird laut.


Typisch für soziale Netzwerke ist auch, dass selbst das „Aussehen der Uhr als Symbol“ zum Gesprächsthema wird. In einem anderen Post wurde gefragt, ob die Warnung nicht etwas mehr „Produktionswert“ haben könnte, wenn sie das Ende der Welt ankündigt, was den Moment festhielt, in dem die Warnung zu einem Meme wurde.



Ist die Weltuntergangsuhr „Panikmache“ oder ein „Dashboard“?

Die Weltuntergangsuhr ist auch Kritik ausgesetzt. Sie wird als „subjektiv“ und als „jährliches Event, das Angst schürt“ angesehen. Tatsächlich spiegelt sich dieses Gefühl im Zynismus der sozialen Netzwerke wider.


Der aktuelle Punkt ist jedoch weniger, „wie viele Sekunden es sind“, sondern welche Risiken sich gleichzeitig verschärfen. Nukleare Spannungen, Klimaschäden, die Instabilität durch KI-Entscheidungsprozesse, die Unregierbarkeit der Gesellschaft durch Desinformation und neue Risiken in den Lebenswissenschaften – all diese Faktoren verstärken sich gegenseitig. Beispielsweise könnte Desinformation die Diplomatie verhärten, militärische KI könnte Fehlwahrnehmungen verstärken und Klimakatastrophen könnten internationale Konflikte vertiefen. Der Hintergrund, warum das Bulletin starke Worte wie „Jetzt könnte der gefährlichste Moment sein“ verwendet, liegt in der Bewusstmachung der multiplen Krisen.


Daher ist es konstruktiver, die Weltuntergangsuhr nicht als „Sekunden bis zur Apokalypse“, sondern als **„Dashboard zur Visualisierung der gleichzeitigen Krisen“** zu betrachten. In einer Ära komplexer Krisen bietet sie ein Gesamtbild, das sich nicht einfach durch die Addition einzelner Nachrichten ergibt. Die Rolle der Weltuntergangsuhr liegt darin, dieses Gesamtbild zu schaffen.



Quellen (am Ende des Textes zusammengefasst)