4390 Billion km entfernt befindet sich "Gott"? Jenseits der "Grenze, an der die Zeit stillsteht": Der Wirbel um den "Standort Gottes", der durch wissenschaftliche Nachrichten verbreitet wurde.

4390 Billion km entfernt befindet sich "Gott"? Jenseits der "Grenze, an der die Zeit stillsteht": Der Wirbel um den "Standort Gottes", der durch wissenschaftliche Nachrichten verbreitet wurde.

„Der Aufenthaltsort Gottes wurde bestimmt“ – Wenn eine solche Schlagzeile auftaucht, schauen die meisten Menschen zweimal hin. Zumal die Entfernung „ca. 4390 Billionen Kilometer“ beträgt. Die Zahl ist so groß, dass das Gefühl der Ferne kaum nachvollziehbar ist. Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Behauptung von Dr. Michael Guillén, einem ehemaligen Physikdozenten der Harvard-Universität und Wissenschaftsjournalisten, dass das „Himmelreich (Gottes Reich) möglicherweise jenseits des ‚kosmischen Horizonts‘ liegt“. Ein wissenschaftliches Medium griff dies als eine der Ausgangspunkte der Verbreitung auf und stellte klar, dass es sich „eher um eine Hypothese (Spekulation) als um Wissenschaft“ handelt, was in den sozialen Medien sofort für Aufsehen sorgte.


Was bedeutet „4390 Billionen km“?

Diese Zahl entspricht grob gesagt der Entfernung „bis zum Rand des für uns ‚beobachtbaren Universums‘“. Das beobachtbare Universum ist viel größer als die einfache Berechnung des Alters des Universums (ca. 13,8 Milliarden Jahre) × Lichtgeschwindigkeit. Denn während das Licht unterwegs ist, dehnt sich das Universum (der Raum) weiter aus und entfernt liegende Himmelskörper werden „weiter als damals“ weggeschoben. Auch die NASA erklärt, dass der Durchmesser des beobachtbaren Universums etwa 94 Milliarden Lichtjahre betragen könnte.

 
Ähnliche Erklärungen finden sich in astronomischen Medien und Enzyklopädien, wobei die aktuelle Skala des beobachtbaren Universums mit einem „Durchmesser von etwa 93 Milliarden Lichtjahren“ angegeben wird.


Das heißt, die „4390 Billionen km“ sind nicht einfach eine willkürliche Zahl, sondern erinnern im Kontext der Kosmologie an die Nähe des „Beobachtungshorizonts“. Die Frage ist, ob man diesen „Horizont“ als „physikalischen Ort“, „Grenze, an der die Zeit stillsteht“ oder „Koordinaten des Himmels“ betrachten kann.


Guilléns Logik: Universumsausdehnung → Horizont → unerreichbar → „vielleicht der Himmel“

In Guilléns Text (veröffentlicht unter seinem eigenen Namen) wird die Argumentation in etwa wie folgt dargelegt. Zunächst wird die seit Edwin Hubble bekannte Entdeckung erwähnt, dass „je weiter entfernte Galaxien sich schneller entfernen“, was die Ausdehnung des Universums voraussetzt.

 
Dann wird erklärt, dass Galaxien in einer bestimmten Entfernung theoretisch eine „Rückzugsgeschwindigkeit“ haben können, die der Lichtgeschwindigkeit entspricht, und diese Entfernung wird als „kosmischer Horizont“ bezeichnet. Und er sagt: „Da man nur mit Lichtgeschwindigkeit reisen kann, ist es unmöglich, diesen Punkt zu erreichen oder zu überschreiten.“

 
Er geht noch weiter und stellt sich vor, dass „an dieser Grenze die Zeit stillsteht“ und „jenseits der Grenze ein Bereich sein könnte, der für Licht oder lichtähnliche Wesen bewohnbar ist“, und verbindet dies mit biblischen Ausdrücken wie „der Himmel ist oben“, „unerreichbar von der Erde“ und „ewig (außerhalb der Zeit)“, um die Möglichkeit zu diskutieren, dass „der Himmel dort sein könnte“.


Wenn man bis hierhin liest, wird klar, dass es sich, obwohl kosmologische Begriffe verwendet werden, eher um den Versuch handelt, „religiöse oder philosophische Assoziationen mit dem Maßstab des Universums zu verstärken“ als um eine „wissenschaftlich überprüfbare Behauptung“. Tatsächlich betonen die Artikel, die dies vorstellen, dass es sich „eher um eine Hypothese als um Wissenschaft“ handelt und dass die wissenschaftliche Gemeinschaft dies nicht einfach so akzeptiert.


Der Kern der Gegenargumente: Der Horizont ist keine „Wand“, sondern eine „Grenze“, die durch Beobachtungsbedingungen bestimmt wird

Wo liegt also das Problem? Der Punkt ist, dass das Wort „Horizont“ je nach Kontext etwas anderes bedeuten kann.

In der Kosmologie wird allgemein

  • Teilchenhorizont (particle horizon): Die Grenze, bis zu der Licht aus der Vergangenheit „jetzt“ ankommen kann

  • Kosmologischer Ereignishorizont (cosmological event horizon): Die Grenze, bis zu der „jetzt ausgesendetes Licht“ in Zukunft niemals ankommen wird (erscheint im Modell der beschleunigten Ausdehnung)

  • Hubble-Radius / Hubble-Sphäre (Hubble sphere): Die Entfernung, bei der „Rückzugsgeschwindigkeit = Lichtgeschwindigkeit“ wird, wenn das Hubble-Gesetz direkt angewendet wird (konzeptionelle Grenze)
    Diese sind nicht mit dem Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs gleichzusetzen, bei dem „etwas Physikalisches passieren muss, wenn man ihn überschreitet“.


Besonders missverstanden wird die Aussage „Rückzugsgeschwindigkeit überschreitet die Lichtgeschwindigkeit / entspricht der Lichtgeschwindigkeit“. Die „Rückzugsgeschwindigkeit“ aufgrund der Ausdehnung des Universums ist ein anderes Konzept als die „lokale Geschwindigkeitsüberschreitung“, die in der speziellen Relativitätstheorie verboten ist, und es kann eine scheinbare Rückzugsgeschwindigkeit geben, die die Lichtgeschwindigkeit in der Ferne überschreitet. Dass dies „nicht gegen die Relativitätstheorie verstößt“, wird auch in Fachartikeln zur Korrektur von Missverständnissen (wie dem von Davis & Lineweaver) erläutert.

 
Das bedeutet, dass die Vorstellung „Entfernung, bei der die Lichtgeschwindigkeit erreicht wird = unerreichbare Wand = Zeitstopp“ leicht von der standardmäßigen kosmologischen Auffassung abweichen kann.

Auch die Artikel, die dies vorstellen, sehen hier ein Problem und fassen die Gegenargumente zusammen, dass „der kosmische Horizont ein beobachterabhängiges Konzept ist und kein physikalischer Ort (feste ‚Adresse‘)“.

 
So wie es einen „Horizont“ von der Erde aus gibt, gibt es für Beobachter in anderen Galaxien ein anderes „beobachtbares Universum“. Der Horizont ist eher „der sichtbare Bereich, der durch die Beobachtungsbedingungen an diesem Punkt ausgeschnitten wird“ als eine „Wand, die im Universum befestigt ist“.


Warum Menschen dennoch angezogen werden: „Zeit“, „Grenze“, „jenseits“ als narrative Geräte

Auf der anderen Seite ist es verständlich, dass sich diese Geschichte so weit verbreitet hat. Der Grund ist einfach: Begriffe wie „Rand des Universums“, „Zeitstopp“ und „ein anderes Universum jenseits“ sind allein schon starke narrative Geräte. Wenn sich dann noch die religiöse Intuition „Himmel = außerhalb der Zeit“ mit dem Science-Fiction-Bild „an der Grenze ist die Zeit...“ überschneidet, ergibt sich eine angenehme Verbindung als Lesestoff.


Aus wissenschaftlicher Sicht sind jedoch „angenehme Verbindungen“ und „Richtigkeit“ zwei verschiedene Dinge. Das Hubble-Gesetz beschreibt die Beziehung zwischen der beobachteten Rotverschiebung und der Entfernung (Ausdehnung des Universums) und sagt nicht direkt, dass „an einem bestimmten Punkt die Zeit stillsteht“.
Die Verbindung von „Zeitstopp“ mit dem kosmischen Horizont ist zumindest als populäre Erklärung missverständlich und erfordert Vorsicht.


Reaktionen in den sozialen Medien: Spott, Wut und diejenigen, die es „religiös lesen“

In den sozialen Medien (insbesondere auf Reddit) waren die Reaktionen sehr unterschiedlich.

1) Kritik wie „Clickbait“ und „sollte nicht auf Wissenschaftsseiten erscheinen“

In der IFLScience-Community war die Unzufriedenheit über die Stärke der Schlagzeile im Vergleich zum spekulativen Inhalt und der unpassenden Behandlung als Wissenschaft deutlich. In einem Beitrag wurde die Schlagzeile selbst ironisch umformuliert und die Frage aufgeworfen, warum eine Wissenschaftsseite dies aufgreift.
Kurz gesagt, es ist die Frustration darüber, dass „es zwar in den Worten der Kosmologie gekleidet ist, aber keine überprüfbare Behauptung darstellt“.

2) Kommentare wie „Das ist eine Mischung aus Religion und Kosmologie“

Im selben Thread gab es Kommentare, die den Tonfall kritisierten, der „alten religiösen Texten die ‚einzige Erklärung‘ gibt“, und dies mit anderen okkulten Sendungen verglichen.
Hier schwingt die Vorsicht mit, dass „wissenschaftlich klingende Vokabeln“ sofort an Überzeugungskraft gewinnen können.

3) Auf der anderen Seite gab es auch Reaktionen wie „Wenn Gott außerhalb des Universums ist, ist es konsistent“ und „Es geht eher um Dimensionen als um physikalische Orte“

In einer anderen Community gab es auch Menschen, die meinten, dass „wenn Gott (der Schöpfer) außerhalb des Universums ist, das Bild jenseits des Horizonts verständlich ist“. Außerdem gab es Meinungen, die versuchten, den Konflikt zwischen Wissenschaft und Glauben zu vermeiden, indem sie sagten, dass es „eher um eine Dimension des Bewusstseins als um einen physischen Ort“ geht.


Diese Reaktionen zeigen, dass es bei diesem Thema weniger um die „Richtigkeit der Kosmologie“ geht, sondern um die „Frage, ob man Glauben in den Worten der Wissenschaft ausdrücken sollte“ und um die „Ethik der Medienüberschriften“.


Wie sollte man diese Geschichte letztendlich lesen?

Das Fazit ist ziemlich realistisch.

  • Der Maßstab „4390 Billionen km“ ist als Einstieg in das Verständnis der Größe des beobachtbaren Universums interessant.

  • Aber die Behauptungen wie „Horizont = Gottes Adresse“ oder „dort stoppt die Zeit“ sind zumindest aus der Sicht der standardmäßigen kosmologischen Erklärung weit hergeholt.

  • Dennoch findet diese Diskussion Unterstützung, weil sie kosmologische Konzepte (Horizont, Beobachtungsgrenze, beschleunigte Ausdehnung) mit religiösen Erzählungen (unerreichbar, ewig, oben) als „Geschichte“ verbinden kann.


Die Wissenschaft ist ein Werkzeug, um zu unterscheiden, „was messbar ist und was Interpretation ist“. Fragen des Glaubens oder der Philosophie sind nicht schlecht. Aber wenn man sie in den Worten der Wissenschaft ausdrücken möchte, muss man gleichzeitig die Regeln der Wissenschaft (strenge Definitionen, Unterscheidung zwischen Beobachtung und Modell, Falsifizierbarkeit) akzeptieren, sonst werden die Empfänger verwirrt. Dieser Vorfall zeigt auch, wie leicht diese „Grenze“ überschritten werden kann.



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