Mobbing im Zeitalter der sozialen Netzwerke endet nicht nach der Schule – Konzept eines "Netzführerscheins" zum Schutz der Kinder

Mobbing im Zeitalter der sozialen Netzwerke endet nicht nach der Schule – Konzept eines "Netzführerscheins" zum Schutz der Kinder

„Nur zuschauen“ im Klassenzimmer fördert Cybermobbing – Die Debatte über den „Internetführerschein“ in Deutschland

Sollten Kinder nicht lernen, wie man das Internet nutzt, bevor sie ein Smartphone bekommen?
In Deutschland gewinnt diese Diskussion erneut an Aufmerksamkeit.

Der Auslöser ist die Berichterstattung über die zunehmende Schwere von Cybermobbing unter Kindern und Jugendlichen. Die deutsche Regionalzeitung HNA berichtet, dass die Anti-Cybermobbing-Organisation „Bündnis gegen Cybermobbing“ die Einführung eines obligatorischen „Internetführerscheins“ an Schulen fordert.

Ein Führerschein bedeutet natürlich nicht die Qualifikation, auf der Straße zu fahren, wie bei einem Autoführerschein. Es geht um Regeln im Umgang mit Menschen im Netz, die Verantwortung beim Umgang mit Fotos und persönlichen Daten anderer, das Verhalten, wenn jemand im Klassenchat angegriffen wird, und das Erkennen und Stoppen von gefälschten Bildern, die mit KI erstellt wurden. Diese grundlegende digitale Bürgererziehung soll Kindern vermittelt werden, bevor sie Smartphones und soziale Netzwerke intensiv nutzen.

Der Hintergrund ist die Realität, dass Cybermobbing kein besonderes Problem mehr ist. In einem Artikel der HNA wird berichtet, dass in Deutschland „jeder vierte Schüler Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht hat“. Auch Untersuchungen der Anti-Cybermobbing-Organisation zeigen, dass die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen zunimmt. In der „Cyberlife V“-Studie 2024 wird geschätzt, dass in Deutschland etwa zwei Millionen Kinder und Schüler mindestens einmal Opfer von Cybermobbing geworden sind.

Das Erschreckende an Cybermobbing ist, dass es nach dem Unterricht nicht endet. Früheres Mobbing konnte zumindest physisch vermieden werden, wenn man die Schule verließ. Doch die heutigen Kinder tragen die Schule in ihrer Tasche. Klassenchats, soziale Netzwerke, Video-Sharing-Dienste und Voice-Chats in Spielen – selbst wenn sie den Ort wechseln, folgt ihnen das Böse mit einem einzigen Benachrichtigungston.

Der im HNA-Artikel vorgestellte Fall eines Mädchens ist ebenfalls symbolisch. Das Mobbing, das im Klassenzimmer begann, weitete sich auf den Klassenchat aus, und Gerüchte und Fotos verbreiteten sich in der Umgebung. Obwohl sie Freunde hatte und nicht der isolierte Typ war, konnte sie den wiederholten Angriffen nicht standhalten und musste schließlich die Schule wechseln.

Dieser Fall zeigt, dass die Opfer von Cybermobbing nicht nur „schwache“ oder „unauffällige“ Kinder sind. Jeder kann zum Ziel werden. Ein zufällig aufgenommenes Foto, ein als Scherz gemeintes Wort, ein unbegründetes Gerücht, das jemand verbreitet, ein mit KI bearbeitetes Bild – wenn sich all das auf die gesamte Klasse, den gesamten Jahrgang oder sogar außerhalb der Schule ausbreitet, wird es für die Betroffenen zu einer öffentlichen Hinrichtung ohne Fluchtmöglichkeit.

Besonders ernst ist, dass die Täter nicht unbedingt anonyme Fremde sind. Der Begriff Cybermobbing lässt oft an Angriffe von anonymen Nutzern irgendwo im Netz denken. Doch bei Cybermobbing unter Kindern sind die Täter oft dieselben Schüler, dieselbe Klasse oder derselbe Sportverein. Das bedeutet, dass Online-Gewalt eng mit den Offline-Beziehungen verbunden ist.

Die Anti-Cybermobbing-Organisation weist darauf hin, dass viele Cybermobbing-Fälle in der Schule ihren Ursprung haben. Dies ist ein wichtiger Aspekt. Das Problem liegt nicht nur im Smartphone. Smartphones werden zu Geräten, die die Machtverhältnisse im Klassenzimmer, den Gruppenzwang, die Rangordnung von Beliebten und Unbeliebten sowie die unscharfen Grenzen zwischen Scherz und Angriff schneller, weiter und grausamer verbreiten.

Hier stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Schule.

Im HNA-Artikel fordert der Vertreter des Bündnisses gegen Cybermobbing, dass Schulen die Opfer schützen und den Tätern klare Sanktionen auferlegen sollten. Wenn eine Straftat festgestellt wird, der Täter jedoch ungestraft in der Schule bleibt und nur das Opfer die Schule wechseln muss, wird dies für das Opfer zu einem doppelten Schmerz und für den Täter zu einer Lektion, dass es „in Ordnung ist, es zu tun“.

Natürlich ist es nicht einfach, die Verantwortung allein auf die Schulen abzuwälzen. Lehrer haben bereits viele Aufgaben, und Probleme mit Smartphones und sozialen Netzwerken treten auch außerhalb der Schulzeit auf. Eltern überwachen nicht ständig die Smartphones ihrer Kinder. Plattformbetreiber haben zwar Melde- und Löschmechanismen, können aber die Atmosphäre in Klassenchats nicht ändern.

Deshalb hat der Gedanke eines „Internetführerscheins“ eine gewisse Überzeugungskraft.

Bevor man ein Auto fährt, lernt man die Verkehrsregeln. Bei Rot anhalten, Fußgänger schützen, im Falle eines Unfalls Verantwortung übernehmen – all das kann nicht mit „Ich wusste es nicht“ entschuldigt werden. Auch in der Online-Kommunikation ist es notwendig, die Gelegenheit zu haben, grundlegende Regeln zu lernen.

Kinder müssen systematisch Dinge wie die folgenden lernen:

Man darf nicht ohne Erlaubnis Fotos anderer teilen.
Auch wenn es als Scherz gemeint ist, kann es Mobbing sein, wenn der andere verletzt wird.
Wenn jemand im Klassenchat angegriffen wird, kann Lachen, nur Lesen oder das Mitmachen mit einem Sticker für das Opfer als Teil der Aggression erscheinen.
Von KI erstellte Bilder oder falsche Informationen können leicht die Ehre oder das Leben eines Menschen zerstören.
Wenn man Opfer wird, sollte man Screenshots machen, sich an einen vertrauenswürdigen Erwachsenen wenden und nicht zögern, zu melden oder zu blockieren.
Wenn man Zeuge von Aggressionen wird, sollte man sagen „Hör auf“, das Opfer individuell ansprechen oder einem Erwachsenen Bescheid geben.

Besonders wichtig ist die Rolle der Zuschauer, also der Bystander.

Beim Cybermobbing ist nicht nur die Person, die den Angriffstext schreibt, das Problem. Diejenigen, die zuschauen, lachen, verbreiten oder nichts tun, geben den Tätern Macht. Im HNA-Artikel wird auch berichtet, dass einige Schüler im Klassenchat „Hör auf“ sagten, aber letztendlich die Umgebung es als „nur einen Scherz“ behandelte.

Auch auf sozialen Netzwerken wird dieses „Nur zuschauen“-Problem oft thematisiert. Bei der Suche nach öffentlichen Beiträgen findet man Bildungsaccounts, die Cybermobbing als wichtiges Thema für Schule und Familie behandeln, Organisationen, die Kinderberatungsstellen anbieten, und Beiträge, die zur Internetsicherheitserziehung aufrufen. Andererseits gibt es bei den Begriffen „Führerschein“ oder „Pflichtbildung“ oft geteilte Meinungen. Die Befürworter glauben, dass es gefährlich ist, Kinder ohne Regelkenntnis ins Netz zu lassen, während das Alter, in dem sie Smartphones besitzen, sinkt. Die Vorsichtigen befürchten, dass, wenn nur die Form von Prüfungen und Führerscheinen im Vordergrund steht, die Unterschiede zwischen familiären und schulischen Umgebungen größer werden und es zu einer ineffektiven „Checklistenbildung“ kommt.

Außerdem gibt es auf sozialen Netzwerken auch den Gegensatz „Verbot oder Bildung“. Die Forderung, die Nutzung von sozialen Netzwerken und Smartphones für Kinder bis zu einem bestimmten Alter einzuschränken, ist stark. Da die Schäden schwerwiegend sind, sollte man zunächst die Kontaktmöglichkeiten reduzieren. Andererseits gibt es das Gegenargument, dass ein vollständiges Verbot Kinder nicht in die Lage versetzt, sich selbst zu schützen, wenn sie irgendwann mit dem Internet in Berührung kommen. In der Realität bleiben Online-Kontakte zwischen Kindern auch dann bestehen, wenn soziale Netzwerke verboten werden, sei es über Messaging-Apps, Spiele, Video-Services oder schulinterne Tools. Daher ist es notwendig, nicht zwischen Verbot und Bildung zu wählen, sondern altersgerechte Beschränkungen mit kontinuierlicher Medienkompetenzerziehung zu kombinieren.

In Deutschland gibt es bereits die Initiative „Surfschein“, bei der Kinder Internetkenntnisse erlernen. Mit diesem von Internet-ABC angebotenen „Internetführerschein“-ähnlichen Lehrmaterial lernen Kinder die Funktionsweise des Internets, die Teilnahme online, den Schutz vor Gefahren und den Umgang mit Medien. Bei Erreichen einer bestimmten Punktzahl erhalten Kinder ein Zertifikat. Solche bestehenden Lehrmaterialien können ein Hinweis in der aktuellen Diskussion sein.

Allerdings geht es derzeit nicht nur um die Verbreitung von Quizmaterialien. Das Problem ist nicht nur, ob Kinder die „richtige Antwort“ wählen können.

In tatsächlichen Klassenchats gewinnt oft die Atmosphäre vor Ort über das richtige Wissen. Auch wenn man denkt „Das ist nicht gut“, wenn jemand gehänselt wird, schweigt man aus Angst, die Freundschaft zu verlieren. Um nicht selbst zum nächsten Ziel zu werden, stellt man sich auf die Seite der Lachenden. Daher erfordert die Bekämpfung von Cybermobbing nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch Bildung über Gruppendynamik.

Eine moralische Erklärung wie „Schreibe keine Beleidigungen im Netz“ reicht nicht aus.
„Warum neigen Menschen dazu, grausam zu werden, wenn sie in Gruppen sind?“
„Warum isoliert das Ignorieren von Nachrichten das Opfer?“
„Warum ist die Verbreitung Teil der Aggression?“
„Warum ist ein ‚Scherz‘ für das Opfer kein Scherz?“
Solche Fragen müssen in der Schule anhand konkreter Fälle behandelt werden.

In jüngster Zeit hat das Auftauchen von generativer KI das Problem weiter verkompliziert. Von KI erstellte gefälschte Bilder, bearbeitete Fotos, erfundene Aussagen, die die Person nicht gemacht hat, und Deepfake-ähnliche Belästigungen können mehr Schaden anrichten als herkömmliche Beleidigungen oder Gerüchte. Selbst wenn es sich um einen Scherz unter Kindern handelt, ist es schwierig, die Bilder zurückzuholen, wenn sie sich einmal verbreitet haben. Dies kann nicht nur das Herz des Opfers, sondern auch seine Bildung, Karriere und Beziehungen beeinträchtigen.

Daher sollte der Inhalt des „Internetführerscheins“ auch Risikobildung im KI-Zeitalter umfassen.
Bilder und Videos sind nicht unbedingt echt.
Auch aus Spaß erstellte gefälschte Bilder können zu Verleumdung oder Verletzung der Privatsphäre führen.
Wenn man etwas weiterleitet, nur weil „alle es senden“, wird man selbst Teil der Aggression.
Solche Regeln müssen nicht abstrakt, sondern in Situationen vermittelt werden, denen Kinder tatsächlich begegnen könnten.

Es gibt auch Forderungen nach rechtlichen Regelungen. Im HNA-Artikel wird darauf hingewiesen, dass Cybermobbing in Deutschland nicht ausreichend als eigenständiger Straftatbestand behandelt wird. Natürlich gibt es Fälle, in denen bestehende Gesetze wie Verleumdung, Bedrohung, Beleidigung, unrechtmäßige Veröffentlichung persönlicher Daten oder unbefugte Verbreitung von Bildern angewendet werden können. Doch aus der Sicht der Opfer, Schulen und Eltern ist es oft unklar, „ab wann etwas illegal ist“, „wo man sich beraten lassen kann“ und „wie weit die Schule eingreifen kann“.

Gesetze sind nicht allmächtig. Bei Konflikten zwischen Kindern ist Vorsicht geboten, diese sofort zu einem strafrechtlichen Problem zu machen. Doch ohne klare Standards neigen Schulen dazu, die Reaktion zu verzögern. Die Eltern der Täter sehen es als „Kinderstreit“, „Scherz“ oder „es gibt keine Beweise“, während nur die Opfer erschöpft werden. Daher ist es unerlässlich, neben der Präventivbildung auch Standards für das Eingreifen der Schule, die Art der Aufzeichnung, Beratungsstellen und stufenweise Maßnahmen gegen Aggressionen zu etablieren.

Auch in den Reaktionen auf sozialen Netzwerken fällt auf, dass unter denjenigen, die sich für Cybermobbing-Prävention interessieren, das Bewusstsein für Probleme wie „Schulen allein schaffen es nicht“, „Eltern brauchen Wissen“ und „Beratungsstellen für Kinder sollten bekannter sein“ stark ausgeprägt ist. Es gibt bereits viele Unterstützungsmöglichkeiten und Lernressourcen wie die Online-Beratung für Jugendliche von JUUUPORT, die Internetsicherheitserziehung von klicksafe und die Lehrmaterialien von Internet-ABC. Doch wenn sie nicht die erreichen, die sie brauchen, sind sie bedeutungslos.

Hier wird die Bildung der Eltern wichtig.

Wenn Eltern ihren Kindern ein Smartphone geben, achten viele Familien auf Tarifpläne, Gerätekosten, Nutzungszeiten und App-Beschränkungen. Aber wie viele Familien sprechen mit ihren Kindern über Probleme im Klassenchat, das Teilen von Fotos, die Reichweite von Beiträgen in sozialen Netzwerken, die Methoden zur Meldung und die Art der Beweissicherung? Auch wenn Kinder Opfer werden, können sie oft nicht mit ihren Eltern sprechen, weil sie Angst haben, geschimpft zu werden, das Smartphone weggenommen zu bekommen oder dass die Schule es noch schlimmer macht.

Deshalb sollte die erste Reaktion der Eltern nicht „Warum hast du das getan?“ sein, sondern „Danke, dass du es mir gesagt hast“. Für ein Kind, das Opfer geworden ist, ist die Reaktion des ersten Erwachsenen, dem es sich anvertraut, entscheidend. Wenn es beschuldigt wird, wird das Kind nie wieder Rat suchen. Wenn es hingegen ruhig aufgenommen, Beweise gesichert und mit der Schule oder Fachstellen zusammengearbeitet wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, die Ausweitung des Schadens zu stoppen.

Auch von Schulen wird die gleiche Haltung erwartet.

Die Reaktion „Es ist außerhalb der Schule auf sozialen Netzwerken passiert, also betrifft es uns nicht“ passt nicht mehr zur Realität. Wenn Angriffe im Chat zwischen Klassenkameraden die Beziehungen im Klassenzimmer am nächsten Tag zerstören, ist das ein Problem, das direkt mit dem Schulleben verbunden ist. Es ist schwierig, die Verantwortungsbereiche nur danach zu ziehen, ob es während des Unterrichts oder nach der Schule passiert ist.

Allerdings geht es nicht darum, dass die Schule alles überwachen sollte. Es geht nicht um Überwachung, sondern um vertrauenswürdige Beratungswege und klare Verfahren, wenn ein Vorfall auftritt. An wen wendet man sich? In welchem Stadium werden die Eltern informiert? Wie werden Beweise behandelt? Wie wird der Täter belehrt? Wie wird die Sicherheit des Opfers gewährleistet? Wie wird auf die Klasse der Zuschauer eingewirkt? Diese Dinge im Voraus festzulegen, ist der erste Schritt, um das Opfer nicht zu isolieren.

Der Begriff „Internetführerschein“ hat einen etwas strengen Klang. Manche mögen das Gefühl haben, dass Kinder durch Prüfungen gebunden werden. Doch der Kern dieses Konzepts ist nicht, Kinder zu bestrafen, sondern sie nicht ungeschützt in die gesetzlose Welt des Internets zu entlassen.

Das Smartphone ist für Kinder ein Werkzeug, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, zu lernen und zu spielen. Gleichzeitig kann es auch ein Werkzeug sein, um andere zu verletzen. Deshalb ist es notwendig, vor der Übergabe zu lernen, wie man es benutzt. So wie man vor dem Radfahren auf der Straße die Verkehrsregeln lernt, muss man vor dem Umgang mit Menschen im Netz die Regeln von Würde und Verantwortung lernen.

Das Problem des Cybermobbings ist nicht nur ein deutsches. Auch in Japan sind Probleme in Gruppen-LINE-Chats der Schule, auf Instagram, TikTok oder in Spielchats keine Seltenheit. Die Verbreitung von KI-Bildern und anonymen Beiträgen wird in Zukunft ebenfalls eine größere Herausforderung darstellen. Daher ist die Diskussion, die in Deutschland stattfindet, auch für Japan nicht irrelevant.

Wichtig ist nicht nur, den Kindern zu sagen, „Besitzt kein Smartphone“.
Wenn sie eines besitzen, wie sie es nutzen.
Wie man es stoppt, wenn jemand verletzt wird.
Wo man Hilfe sucht, wenn man selbst verletzt wird.
Wie man Verantwortung übernimmt, wenn man versehentlich an Aggressionen beteiligt war.

Es ist an der Zeit, dies nicht nur den Familien, Schulen oder Plattformen zu überlassen, sondern als gemeinsame Bildung der gesamten Gesellschaft zu betrachten.