Es sind nicht nur die Darmbakterien. Unser Körper ist ein unsichtbarer Wald, der mit der Natur verbunden ist.

Es sind nicht nur die Darmbakterien. Unser Körper ist ein unsichtbarer Wald, der mit der Natur verbunden ist.

Menschen waren ein „gehendes Ökosystem“ – Kann das Wissen über Mikroorganismen die Distanz zur Natur verringern?

Wir neigen dazu, die Natur als etwas „Äußeres“ zu betrachten.

Wälder, Flüsse, Erde, Meer, Tiere, Pflanzen. Orte, die wir am Wochenende besuchen. Landschaften, die wir fotografieren. Objekte, die es zu schützen gilt. Oder Räume der „Erholung“, die außerhalb des städtischen Lebens verbleiben.

Aber was, wenn die Natur nicht nur „draußen“ ist, sondern sich bereits in unserem Inneren ausbreitet?

Unser Körper beherbergt eine enorme Menge an Mikroorganismen wie Bakterien, Viren, Pilze und Archaeen. Darm, Haut, Mundhöhle, Atemwege sowie die Luft, Erde, Wasser und Pflanzen, die wir berühren. Diese Grenzen sind nicht so fest, wie wir denken. Der Mensch ist möglicherweise eher ein komplexes Wesen, das mit unzähligen Lebensformen zusammenlebt, als ein unabhängiges Individuum.

Das Wort, das diese Denkweise beschreibt, ist „Holobiont“. Ein Holobiont ist ein Konzept, das den Wirt und die mit ihm verbundenen Mikroorganismen als eine Einheit betrachtet. Im Falle des Menschen bedeutet dies, dass die Existenz von „sich selbst“ nicht nur aus menschlichen Zellen besteht, sondern zusammen mit symbiotischen Mikroorganismen existiert.

Dieses Konzept zu kennen, könnte mehr sein als nur eine Erweiterung des biologischen Wissens. Neue Forschungen zeigen, dass das Lernen über Holobionten das Gefühl der „Verbundenheit mit der Natur“ bei Menschen steigern könnte.

Der auf Phys.org vorgestellte Artikel basiert auf der Forschung von Jake Robinson, einem Mikrobienökologen der Flinders University. Die Studie, die in der Fachzeitschrift „Ambio“ veröffentlicht wurde, untersuchte, wie das Betrachten des Menschen als Teil der Natur, also die Holobiont-Literacy, die Verbundenheit mit der Natur beeinflusst.

Das Forschungsteam konzentrierte sich auf eine sehr moderne Frage.

Wie verändert sich das Gefühl der Beziehung zur Natur, wenn Menschen erfahren, dass sie kein „einzelnes Lebewesen“, sondern ein „gehendes Ökosystem“ sind?

Diese Frage ist deshalb interessant, weil Naturerfahrungen normalerweise mit direktem Kontakt wie Spaziergängen im Wald, Zeit am Meer, Gartenarbeit oder Camping assoziiert werden. Natürlich haben viele Studien gezeigt, dass solche Erfahrungen positive Auswirkungen auf Körper und Geist haben. Doch die aktuelle Forschung deutet darauf hin, dass es möglich ist, die psychologische Distanz zur Natur zu verringern, indem man lernt, dass der eigene Körper durch Mikroorganismen mit der Natur verbunden ist, ohne tatsächlich in den Wald zu gehen.

Die Untersuchung wurde als randomisierte, verblindete Online-Umfrage mit 190 Teilnehmern durchgeführt. Die Teilnehmer wurden in Gruppen aufgeteilt, die entweder kurze Videos und ergänzende Informationen über Holobionten sahen oder neutrale Inhalte als Kontrollgruppe. Vor und nach der Intervention wurde die Veränderung des Gefühls der Verbundenheit mit der Natur gemessen.

Das Ergebnis zeigte, dass die Gruppe, die Informationen über Holobionten erhielt, eine signifikante Steigerung des Gefühls der Verbundenheit mit der Natur erlebte. In der Kontrollgruppe war eine solche Veränderung nicht zu beobachten. Außerdem wurde festgestellt, dass Personen mit einem höheren Vorwissen über Holobionten tendenziell eine stärkere Verbundenheit mit der Natur empfanden.

Wichtig ist, dass diese Studie nicht einfach behauptet, dass das Wissen über Mikroorganismen zwangsläufig zu Glück führt. Die Stichprobe könnte eine Verzerrung hin zu Personen mit einem Interesse an Natur und Mikroorganismen aufweisen, und es bleibt zu untersuchen, ob die Effekte langfristig anhalten. Dennoch bietet das Ergebnis eine neue Perspektive auf die Beziehung zwischen Mensch und Natur.

Wir sind es gewohnt, die Natur als „äußere Landschaft“ zu betrachten. Doch wenn wir die Perspektive der Mikroorganismen einbeziehen, ist die Natur auch auf der Hautoberfläche, im Darm, in der eingeatmeten Luft und im Boden, den wir betreten. Menschen existieren nicht nur als Besucher der Natur, sondern als Teil der Natur.

Diese Vorstellung kollidiert auch mit dem modernen Sauberkeitsverständnis.

Im städtischen Leben werden Mikroorganismen oft als „schmutzig“, „gefährlich“ oder „zu eliminieren“ betrachtet. Begriffe wie Desinfektion, antibakteriell und Sterilisation sind tief in den Alltag integriert. Natürlich sind Infektionsprävention und Hygienemanagement wichtig. Der Schutz vor Krankheitserregern ist nicht nur für die individuelle Gesundheit, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes unerlässlich.

Doch wenn das Gefühl, alle Mikroorganismen als Feinde zu betrachten, zu stark wird, vergessen wir die Tatsache, dass wir mit Mikroorganismen zusammenleben. Der Kontakt mit Erde, Pflanzen, das Spüren des Windes im Freien, das Teilen von Raum mit Tieren und anderen Menschen – all das sind nicht nur Ablenkungen, sondern Interaktionen mit einem Ökosystem, das Mikroorganismen umfasst.

Das Forschungsteam zeigte, dass das Verständnis von Mikroorganismen nicht nur als „unsichtbare Feinde“, sondern auch als „unsichtbare Gefährten“ die Gefühle und Werte gegenüber der Natur verändern könnte.

Besonders bemerkenswert ist, dass das Konzept des Holobionten die Verbindung zur Natur nicht nur auf „Pflanzen und Tiere“ beschränkte. In der Studie wurde auch die Verbindung zu verschiedenen natürlichen Komponenten wie unbelebter Natur, Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen untersucht. Die Gruppe, die mit Holobiont-Informationen konfrontiert wurde, erlebte eine stärkere Verbindung nicht nur zu Mikroorganismen, sondern auch zu Tieren, Pflanzen und unbelebter Natur.

Das Lernen über Mikroorganismen könnte also mehr sein als nur „Mikroorganismen zu mögen“. Es könnte eine Perspektive fördern, die die gesamte Natur als ein Netz von Beziehungen betrachtet. Menschen, Darmbakterien, Bodenmikroorganismen, Pflanzen, Luft, Wasser, Tiere – all das erscheint als ein System, das sich gegenseitig beeinflusst, anstatt als isolierte Teile.

Dies passt gut zu den in letzter Zeit beachteten Konzepten von „One Health“ und „Planetary Health“. Anstatt die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt getrennt zu behandeln, wird sie als miteinander verbunden betrachtet. Wenn Mikroorganismen einbezogen werden, erweitert sich das Verständnis von Gesundheit noch weiter. Die Gesundheit des Körpers ist nicht nur mit Ernährung und Schlaf verbunden, sondern auch mit Wohnumgebung, Stadtplanung, Grünflächen, Boden und Biodiversität.

Diese Forschung ist auch für die Umweltbildung aufschlussreich.

In der traditionellen Umweltbildung stehen oft Botschaften wie „Schützt die Natur“ oder „Erhaltet die Biodiversität“ im Mittelpunkt. Solche Aufrufe werden manchmal als moralische Pflicht wahrgenommen. Für manche Menschen erscheinen sie als Probleme ferner Orte, die wenig mit ihnen selbst zu tun haben.

Wenn man hingegen vermittelt, dass „man selbst bereits ein Ökosystem ist, das mit Mikroorganismen zusammenlebt und mit der umgebenden Natur verbunden ist“, erscheinen Umweltprobleme in einem etwas anderen Licht. Die Natur zu schützen bedeutet nicht nur, äußere Landschaften oder seltene Arten zu bewahren, sondern auch die eigenen Existenzbedingungen zu schützen. Boden, Grünflächen, Wasser, Luft und Biodiversität sind keine abstrakten Umweltressourcen, sondern Grundlagen, die mit dem eigenen Körper und Geist verbunden sind.

Natürlich erfordert diese Perspektive auch Vorsicht.

Die Beziehung zwischen Mikroorganismen und Gesundheit ist komplex und lässt sich nicht in einfache Gesundheitsmethoden umsetzen. Extreme Ansichten wie „Berührung mit Erde macht alles gesund“, „Desinfektion sollte vermieden werden“ oder „Natürlich ist sicher“ sind gefährlich. Es gibt pathogene Mikroorganismen, und das angemessene Hygieneniveau variiert je nach Immunstatus und Lebensumfeld.

Wie auch in der wissenschaftlichen Arbeit hervorgehoben, erfordert die Art und Weise, wie Informationen über Mikroorganismen vermittelt werden, Sorgfalt. Geschichten über Mikroorganismen in Bezug auf Geburt, Kindererziehung oder Krankheit können bei den Empfängern Ängste oder Schuldgefühle hervorrufen. In der Wissenschaftskommunikation geht es darum, Neugier zu wecken und Komplexität in einer Weise zu vermitteln, die nicht Angst oder Verantwortung aufbürdet.

Auch die Reaktionen in den sozialen Medien spiegeln die Wahrnehmung dieser Forschung wider.

Auf LinkedIn, wo die Forschung veröffentlicht wurde, wurden Beiträge von den Forschern selbst und ihren Mitforschern geteilt, die Aufmerksamkeit auf den Ausdruck „Menschen sind kein einzelnes Lebewesen, sondern ein gehendes Ökosystem“ lenkten. In den Beiträgen wurde hervorgehoben, dass eine kurze Intervention zum Lernen über Holobionten die Verbundenheit mit der Natur stärkte und dass dieser Effekt möglicherweise ähnlich wie bei naturerlebnisbasierten Interventionen ist.

Die Reaktionen kamen hauptsächlich von Personen, die sich für Wissenschaft, Umweltbildung, Wohlbefinden und One Health interessieren. Ein Benutzer zeigte sich einverstanden mit der Ansicht, dass ein gesundes Ökosystem das menschliche Mikrobiom unterstützt, und betrachtete dies als „gesundes Ökosystem = gesunde Menschen“. Ein anderer Benutzer bewertete die Forschung als posthumanistische Perspektive, die über den Anthropozentrismus hinausgeht und den Menschen als multikoexistentes Wesen betrachtet.

Es gab auch Kommentare, die ein Gefühl der „Einheit mit der Natur und dem Universum“ ausdrückten, sowie solche, die mit einer ökologischen Dankbarkeitsperspektive in Verbindung gebracht wurden. Einige Beiträge verbanden das Konzept des Holobionten mit der Gesundheit von Astronauten und Mikrobiomen, was darauf hindeutet, dass das Konzept nicht nur in der Umweltbildung auf der Erde, sondern auch im Verständnis des Menschen in extremen Umgebungen Anwendung finden könnte.

Gleichzeitig sind die auf sozialen Medien beobachtbaren Reaktionen derzeit hauptsächlich auf Plattformen wie LinkedIn, die sich an Fachleute und Forscher richten, konzentriert und können nicht als weit verbreitetes Phänomen bezeichnet werden. Auf Plattformen wie X oder allgemein zugänglichen sozialen Medien ist die Diskussion, zumindest im öffentlich zugänglichen Suchbereich, noch begrenzt. Das Thema wird derzeit eher schrittweise unter Forschern und Umweltbildungsfachleuten geteilt als als populärer Trend.

Dennoch gibt es großes Potenzial, dass dieses Thema ein breiteres Publikum erreicht.

Denn die Vorstellung, dass man kein einzelnes Individuum ist, sondern eine Gemeinschaft, die mit Mikroorganismen lebt, hat einen intuitiven Überraschungseffekt. Das Interesse an Darmgesundheit, fermentierten Lebensmitteln und Probiotika ist bereits hoch. Wenn dazu die Perspektive der Verbundenheit mit der Natur und des Umweltschutzes hinzukommt, könnte dies ein großes Thema werden, das Gesundheit, Bildung, Stadtentwicklung und Wohlbefinden überschreitet.

Im Bereich der Stadtplanung könnten Parks, Straßenbäume, Schulgärten, Dachbegrünungen und Spielplätze, die den Kontakt mit Erde ermöglichen, nicht nur als Landschafts- oder Erholungsflächen, sondern als Schnittstellen zwischen Mensch und Umweltmikroorganismen neu bewertet werden. Im Bildungsbereich könnte der Unterricht, in dem Mikroorganismen unter dem Mikroskop betrachtet werden, mit Gesprächen über die Verbindung zur Natur und die Biodiversität verknüpft werden. Auch im Bereich der Medizin und der öffentlichen Gesundheit wird die Frage, wie man übermäßige Sauberkeitsbestrebungen und notwendige Hygienemaßnahmen ausbalanciert, wichtiger.

Das Interessante an dieser Forschung ist, dass sie die „Einheit mit der Natur“ nicht nur romantisch beschreibt, sondern aus der konkreten Wissenschaft der Mikrobiologie neu überdenkt.

Die Verbundenheit mit der Natur ist nicht nur ein Gefühl. In der Forschung wurde berichtet, dass Menschen mit einer hohen Verbundenheit mit der Natur eher umweltbewusstes Verhalten zeigen und psychisches Wohlbefinden erfahren. Daher ist es wichtig, wie man dieses Gefühl fördert, auch im Kontext von Umweltproblemen und psychischer Gesundheit.

Bisher wurden als Methoden dafür Naturerfahrungen, Waldspaziergänge, Gartenarbeit, Outdoor-Bildung und Achtsamkeit in Betracht gezogen. Die aktuelle Forschung fügt dem einen neuen Zugang namens „Mikroben-Literacy“ hinzu. Es ist wichtig, in die Natur hinauszugehen, aber auch zu verstehen, dass der eigene Körper bereits in einer Beziehung zur Natur steht, kann ein Auslöser für eine veränderte Naturwahrnehmung sein.

Wir denken oft, dass unser Körper „nur uns gehört“. Tatsächlich leben jedoch unzählige andere Wesen in ihm. Sie könnten an unserer Verdauung, unserem Immunsystem, unserem Stoffwechsel, unserer Hautumgebung und sogar an unserem psychischen und physischen Zustand beteiligt sein. Natürlich bestimmen Mikroorganismen nicht alles über den Menschen. Aber es wird immer klarer, dass der Mensch kein isoliertes Subjekt ist, das von anderen Lebensformen getrennt ist.

In diesem Sinne wird die Natur zu einer „bestehenden Beziehung“ und nicht zu einem „Ort, den man besucht“.

Den Boden im Garten zu berühren. Fermentierte Lebensmittel zu essen. Das Fenster zu öffnen, um frische Luft hereinzulassen. Im Park spazieren zu gehen. Pflanzen zu pflegen. Kinder im Schlamm spielen zu lassen. Diese alltäglichen kleinen Handlungen erscheinen als Interaktionen mit einer Welt, die Mikroorganismen umfasst.

Diese Perspektive führt auch zu einer Demut des Menschen.

Lange Zeit haben wir die Natur als ein Objekt betrachtet, das zu verwalten, zu kontrollieren und zu nutzen ist. Doch das Konzept des Holobionten lehrt uns, dass „der Mensch nicht außerhalb der Natur steht, um sie zu behandeln“. Wir sind nicht nur in der Natur, sondern werden von ihr ermöglicht. Die Konturen unseres Körpers sind nicht so geschlossen, wie wir denken.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die menschliche Subjektivität verloren geht. Vielmehr hilft das Wissen, dass man in einer Beziehung mit vielen Lebensformen existiert, dabei, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf das umgebende Ökosystem realistischer zu betrachten. Der Einsatz von Antimikrobiotika, die Ernährung, das Stadtgrün, der Umgang mit Böden, die Landwirtschaft, die Architektur, die Bildung – jede Entscheidung steht in Verbindung mit dem unsichtbaren Netzwerk von Mikroorganismen.

Diese Forschung ist erst der Anfang.

Die Teilnehmerzahl beträgt 190, und die kulturelle und regionale Vielfalt ist begrenzt. Wie lange die Wirkung der kurzen Informationsvermittlung online anhält, ist ebenfalls unklar. Die Reaktionen auf das Konzept des Holobionten könnten je nach Alter, Kultur, Religion, Sauberkeitsverständnis und Gesundheitszustand variieren. Zukünftig wird erwartet, dass in verschiedenen Bereichen wie Kinderbildung, VR- und erlebnisorientierte Ausstellungen, Schulgärten, städtische Grünflächen und medizinische Kommunikation weiter geforscht wird.

Dennoch ist die Hypothese, dass das Wissen über Mikroorganismen die Verbindung zur Natur verändern kann, äußerst attraktiv.

In der städtischen Gesellschaft, in der die Entfremdung von der Natur fortschreitet, wird gesagt, dass die Menschen den Kontakt zur Natur verlieren. Aber er ist nicht vollständig verloren. Die Berührungspunkte existieren in der Haut, im Darm und im Atem, auch wenn sie unsichtbar sind. Die Frage ist, wie wir sie verstehen, fühlen und in unser Leben integrieren.

Das Wort Holobiont ist etwas schwierig. Aber sein Kern ist einfach.

Menschen leben nicht allein.
Menschen stehen nicht außerhalb der Natur.
Wir sind ein gehendes Ökosystem, das mit Mikroorganismen lebt.

Wenn sich dieses Bewusstsein verbreitet, wird der Naturschutz nicht nur eine „Geschichte über den Schutz entfernter Wälder“ sein. Gesundheit wird nicht nur eine „Geschichte über die Pflege