Deutschland auch auf dem Weg zu einem „SNS-Verbot für unter 16-Jährige“? Die Realität des australischen Vorreitermodells

Deutschland auch auf dem Weg zu einem „SNS-Verbot für unter 16-Jährige“? Die Realität des australischen Vorreitermodells

„Sollten wir soziale Medien verbieten, um Kinder zu schützen?“ Diese Frage gewinnt in Europa an Bedeutung. Die von Australien als „weltweit erste“ eingeführte Beschränkung der Nutzung sozialer Medien durch Minderjährige ist nicht nur ein Experiment eines einzelnen Landes, sondern hat die Diskussion in Deutschland und in der gesamten EU auf eine neue Ebene gehoben. In Deutschland beginnen nicht nur die konservative CDU, sondern auch die Mitte-Links-SPD über stufenweise Regulierungen je nach Alter zu sprechen, was auf einen Wandel in der politischen Landschaft hindeutet.


Warum das „Verbot“ wieder aufgetaucht ist

Im Hintergrund der Diskussion steht ein Bündel von Risiken im Zusammenhang mit sozialen Medien. Dazu gehören das süchtig machende Design, ästhetische Ideale, die zu übermäßigem Vergleich führen, zufälliger Kontakt mit extremen oder gewalttätigen Inhalten und die undurchsichtige Nutzung von Daten. Besonders das Design, das es „schwer macht aufzuhören, selbst wenn man will“, könnte den Schlaf, die schulischen Leistungen und das Selbstwertgefühl von Jugendlichen beeinträchtigen – solche Bedenken treiben die Politik an.


Der Schwerpunkt liegt jedoch nicht darauf, dass „der Ort der sozialen Medien schlecht ist“, sondern darauf, dass „das System der sozialen Medien für Kinder hart ist“. Funktionen wie „endloses Scrollen“ und „automatische Wiedergabe“, die zur Abhängigkeit führen, sowie Algorithmen, die Radikalisierung beschleunigen, stehen im Fokus. Die Erkenntnis, dass das Problem nicht nur im „Inhalt“, sondern in der „Struktur“ liegt, konkretisiert die Regulierungsansätze.


„Stufensystem“ konkretisiert sich in Deutschland

In Deutschland werden mehrere Vorschläge diskutiert, die Altersgrenzen setzen. Die Diskussion zeigt zwei Hauptrichtungen.


Eine Richtung ist ein strengeres „Verbot der Nutzung unter einem bestimmten Alter“. Die CDU diskutiert ein Verbot für unter 16-Jährige. Eine andere Richtung ist das „Stufensystem“, wie es die SPD vorschlägt. Dabei sollen unter 14-Jährige grundsätzlich ausgeschlossen werden, während für 14- bis 16-Jährige eine „Jugendversion“ der sozialen Medien angeboten wird, bei der Funktionen, die zur Abhängigkeit führen, wie Empfehlungsfunktionen und endloses Scrollen, entfernt werden.


Der Gedanke der „Jugendversion“ ist symbolisch. Es geht nicht darum, einfach den Zugang zu verwehren, sondern das System zu entschärfen, um die Vorteile von Kommunikation und Austausch zu erhalten, während die reizvollen Funktionen entfernt werden. Zudem wird diskutiert, dass die Plattformen für die Altersverifizierung verantwortlich sein sollen und die Zustimmung der Eltern erforderlich ist. Die Diskussion verlagert sich von „Erziehung“ zu „Verantwortung im Design“.


„Binnenmarktregelungen“ und digitale ID, die die EU im Blick hat

Die Diskussion beschränkt sich nicht nur auf Deutschland. Mehrere europäische Länder prüfen ähnliche Maßnahmen, und auf EU-Ebene wird nach einer einheitlichen Richtung gesucht. Sollte die EU Altersbeschränkungen als Binnenmarktregelung einführen, könnte die Regulierung des großen Marktes zum globalen Standard werden.


Ein Schlüsselthema dabei ist das System zur Altersverifizierung. Der Erfolg der Regulierung sozialer Medien hängt davon ab, „wie das Alter überprüft wird“. Doch hier entsteht ein Widerspruch. Wenn die Altersverifizierung verschärft wird, um Kinder zu schützen, muss mehr persönliche Information gesammelt werden. Der Wert von Anonymität und Privatsphäre steht oft im Widerspruch zur Sicherheit durch Identitätsnachweise. Die Diskussion über die Nutzung der von der EU geförderten digitalen ID spiegelt dieses Dilemma wider.


„Schlupflöcher“ und „praktische Umsetzung“ erschüttern die Wirksamkeit

Das Beispiel Australiens zeigt, dass es einen Unterschied zwischen der Schaffung von Regelungen und deren Umsetzung gibt. Nur weil das System eingeführt wurde, verschwinden Minderjährige nicht vollständig aus den sozialen Medien. Sie könnten Geräte von Familienmitgliedern nutzen, ihr Alter fälschen oder zu anderen Apps wechseln – es gibt viele Möglichkeiten, die Regelungen zu umgehen. Infolgedessen könnten die offiziellen Zahlen zwar verbessert werden, aber die Realität könnte sich in den Untergrund verlagern und unsichtbar werden.


Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass soziale Medien nicht nur „Unterhaltung“, sondern auch „Lebensinfrastruktur“ sind. Sie dienen der Aufrechterhaltung von Freundschaften, der Kommunikation in Vereinen und Schulen, der Teilnahme an regionalen Aktivitäten und dem Zugang zu Lerninhalten. Ein pauschaler Ausschluss von Minderjährigen könnte sie auch von notwendigen Informationen und Gemeinschaften fernhalten. Die Kritik, dass ein Verbot eher „Isolation“ als „Schutz“ bewirkt, ist weit verbreitet.


„Kinderrechte“ und „Erwachsenenvorteile“

Je intensiver die Regulierungsdiskussion wird, desto eher werden „Kinderrechte“ übersehen. Wird im Namen der Sicherheit die Ausdrucks- und Teilnahmemöglichkeit junger Menschen eingeschränkt? Werden die Stimmen der Betroffenen ignoriert, um Politiker und Eltern zu beruhigen? Besonders wenn die Altersverifizierung verstärkt wird, nähern wir uns einer Gesellschaft, in der ständig ein „Identitätsnachweis“ erforderlich ist, um auf soziale Medien zuzugreifen. Dies betrifft nicht nur Minderjährige, sondern könnte auch den digitalen Raum für Erwachsene verändern.


Andererseits ist auch das Gefühl der Dringlichkeit verständlich, dass der aktuelle Zustand nicht einfach so belassen werden kann. Schulen und Familien haben Schwierigkeiten, gegen die von Algorithmen optimierten, stark stimulierenden Inhalte anzukommen. Wenn die Bemühungen einzelner Familien an ihre Grenzen stoßen, bleibt nur die Möglichkeit, die „Gestaltung“ durch Regeln zu ändern – solche politischen Ansätze führen zu „Verboten“ oder „Jugendversionen“.


Reaktionen in sozialen Medien: Befürworter sagen „Endlich bewegt sich die Politik“

 

Auf sozialen Medien sind die Stimmen der Befürworter relativ direkt: „Wenn es Altersbeschränkungen für Tabak und Alkohol gibt, sollten auch für die stark süchtig machenden sozialen Medien Beschränkungen gelten“, „Es hilft, wenn es Regeln gibt, weil Kinder nicht auf Eltern hören“, „Es wäre willkommen, Empfehlungen und endloses Scrollen zu stoppen. Das ist das Schlimmste“, sind häufige Reaktionen.


Besonders groß ist die Erwartung an die „Jugendversion“, mit der Meinung, dass sie „realistischer als ein vollständiges Verbot“ sei und dass „die Verantwortung auf die Gestalterseite zu verlagern, der richtige Ansatz ist“. Es gibt eine Atmosphäre, die nicht das Verbot selbst, sondern das Eingreifen in Algorithmen und übermäßige Funktionen schätzt.


Darüber hinaus teilen Accounts, die vermutlich aus dem medizinischen und Bildungsbereich stammen, spezifische Bedenken wie „Schlafmangel“, „Verbreitung von Mobbing“ und „Anstiftung zur sexuellen Ausbeutung“ und unterstützen politische Eingriffe. Das Gefühl der Befürworter ist in der Erschöpfung der Praxis verwurzelt, dass „die Bemühungen der Familien nicht ausreichen“.


Reaktionen in sozialen Medien: Gegner sagen „Nur Überwachung und Aushöhlung werden voranschreiten“

Die Gegner konzentrieren sich auf die Nebenwirkungen der Altersverifizierung. „Am Ende wird die Vorlage eines Ausweises zur Norm“, „Es ist gefährlich, persönliche Informationen an Plattformen zu übermitteln“, „Es gibt so viele Schlupflöcher, dass nur ehrliche Menschen benachteiligt werden“. Diese Stimmen sind besonders stark in technischen und rechtlichen Gemeinschaften.


Zudem wird wiederholt die Sorge geäußert, dass „ein Verbot dazu führen könnte, dass man an gefährlichere Orte wechselt“ und „man sich nicht auf den sichtbaren sozialen Medien beraten lassen kann und isoliert wird“. Anstatt Minderjährige auszuschließen, sei es vernünftiger, Unternehmen zur „sicheren Gestaltung“ zu verpflichten, die Transparenz zu erhöhen und Verstöße zu sanktionieren.


Von der Seite der Jugendlichen gibt es Reaktionen wie „Es ist nicht richtig, dass Kinder für Probleme bestraft werden, die von Erwachsenen verursacht wurden“, „Ein pauschales Verbot ist unmöglich, da wir es für Schul- und Gemeindekommunikation nutzen“, „Soziale Medien sind auch ein Ort, an dem man sich aufhält“. Hier zeigt sich ein komplexes Gefühl, dass „es zwar Gefahren gibt, aber auch Vorteile“.

Streitpunkt ist mehr „Gestaltung“ und „Verifizierung“ als „Alter“

Letztlich konzentriert sich die Diskussion auf zwei Hauptpunkte.


Erstens, ob soziale Medien „nach Alter geschnitten“ oder „nach Funktion eingeschränkt“ werden sollen. Altersverbote sind leicht verständlich, haben jedoch große Auswirkungen auf die Wirksamkeit und Nebenwirkungen. Andererseits können Funktionsbeschränkungen (Einschränkung von Empfehlungen, Beendigung des endlosen Scrollens, Einschränkung von Werbung und Datenerhebung) die Verantwortung im Design ansprechen, aber die detaillierte Gestaltung der Regulierung ist schwierig. Hier erscheint die „Jugendversion“ als attraktiver Kompromiss.


Zweitens, wie die Altersverifizierung durchgeführt werden soll. Je strenger sie ist, desto größer sind die Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre, und je lockerer sie ist, desto mehr Schlupflöcher gibt es. Der Vorschlag, eine öffentliche digitale ID zu verwenden, ist als System ausgereift, wird jedoch von einigen als Schritt zur verstärkten Überwachung der gesamten Gesellschaft angesehen. Technische Lösungen werden zu einer Wahl der gesellschaftlichen Werte.


Was als nächstes passiert

In Deutschland sind nicht nur innerparteiliche Diskussionen relevant, sondern auch die Befugnisse der Bundesländer und die Abstimmung auf EU-Ebene, sodass ein „vollständiges Verbot“ nicht sofort umgesetzt wird. Dennoch hat das Beispiel Australiens den Anstoß gegeben, und die Regelsetzung für „Kinder und soziale Medien“ hat sich als politisches Thema in Europa etabliert.


Ein realistisches Szenario für die Zukunft ist, dass neben der Debatte über das Für und Wider eines vollständigen Verbots zunächst „funktionale Regulierungen“ wie die Verpflichtung zur sicheren Gestaltung für Plattformen, altersgerechte Standardeinstellungen, Transparenz von Empfehlungsalgorithmen und die Stärkung von Elterntools eingeführt werden.


Letztendlich bleibt die Frage: „Wie weit sollten wir die ‚Verifizierung‘ im Alltag einführen, um Kinder zu schützen?“ Die Regulierung sozialer Medien ist nicht nur ein Problem für Kinder, sondern auch eine Diskussion über die Neudefinition der Grenzen von Freiheit und Governance in der digitalen Gesellschaft.



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