Die dunkle Seite des unendlichen Scrollens, die die Jugend erfasst: Warum ist TikTok so schwer zu widerstehen? Warum das "passive Scrollen" als gefährlich gilt

Die dunkle Seite des unendlichen Scrollens, die die Jugend erfasst: Warum ist TikTok so schwer zu widerstehen? Warum das "passive Scrollen" als gefährlich gilt

Morgens wache ich auf und mein Kopf fühlt sich schwer an. Auch im Unterricht kann ich mich nicht konzentrieren. Doch abends kann ich mein Smartphone nicht aus der Hand legen.


Das „endlose Scrollen“ ist längst keine Angewohnheit mehr, die nur einige Kinder betrifft. Kurze Videos und empfohlene Feeds bieten ununterbrochen neue Reize an. Die Finger bewegen sich von selbst, das Zeitgefühl schwindet, und plötzlich ist es Mitternacht. In Europa wächst die Überwachung des Designs von TikTok, und in den USA kämpfen große Plattformen vor Gericht, weil sie möglicherweise die Gesundheit junger Menschen beeinträchtigt haben. Die Politik beginnt, über Smartphone-Regulierungen in Schulen zu sprechen, weil sie das Gefühl hat, dass dies nicht nur ein Problem des „individuellen Willens“ ist.


1) Wie viel wird überhaupt genutzt?

Zahlen sprechen eine klare Sprache. Eine deutsche Studie (JIM) berichtet, dass 12- bis 19-Jährige durchschnittlich etwa 4 Stunden pro Tag am Smartphone verbringen. Eine andere Studie (DAK-Krankenversicherung × UKE) gibt an, dass 10- bis 17-Jährige an Wochentagen durchschnittlich etwa 2,5 Stunden soziale Medien nutzen.

 
Je mehr Zeit dafür aufgewendet wird, desto mehr wird an anderer Stelle im Leben eingespart: Bewegung, Hobbys, Gespräche mit der Familie und Schlaf. Forscher nennen dies den „Verdrängungseffekt“, bei dem die Zeit für soziale Medien andere Erholungsmöglichkeiten verdrängt.


2) Das Problem ist weniger die „Zeit“ als die „Nutzung“ – passives Scrollen ist gefährlich

Eltern wollen vor allem wissen, ab wie vielen Stunden pro Tag es gefährlich wird. Doch Forscher lehnen eine einfache „Stundenregel“ ab.


Der entscheidende Punkt ist, ob die Nutzung passiv oder aktiv ist. Einfach nur zuschauen, einfach nur durchscrollen – dieses „passive Scrollen“ steht häufiger in negativem Zusammenhang. Im Gegensatz dazu macht es einen Unterschied, ob die Nutzung zielgerichtet und aktiv ist, etwa für Lernen, Kreativität oder den Austausch mit Freunden.


Noch wichtiger ist, ob die Person dies selbst möchte. Wenn jemand drei Stunden verbringt, obwohl er eigentlich etwas anderes tun möchte, sind diese drei Stunden belastend. Andererseits, wenn die lange Nutzung mit Arbeit oder Kreativität verbunden ist und die Person die Kontrolle hat, kann sie nicht einfach als schlecht angesehen werden.


3) Was passiert: Schlafmangel, Selbstvergleich, mentale Schwankungen

Die Auswirkungen, die in Artikeln genannt werden, sind vielfältig: Schlafmangel, Selbstzweifel, Cybermobbing und mehr. Die JIM-Studie zeigt, dass viele das Gefühl haben, dass es ihnen schwerfällt, morgens aufzustehen, weil sie nachts am Smartphone waren.

 
Auch im mentalen Bereich wird darauf hingewiesen, dass die Zunahme der Nutzung sozialer Medien oder problematische Nutzung (ähnlich einer Abhängigkeit) mit Schlafproblemen, Depressionen, Essstörungen und Selbstverletzungen in Zusammenhang stehen könnte. Allerdings ist es hier schwierig, die Kausalität zu bestimmen: „Scrollen sie mehr, weil sie sich schlecht fühlen, oder fühlen sie sich schlecht, weil sie mehr scrollen?“ Die Forschung zeigt zwar Zusammenhänge, kann aber keine eindeutigen Schlussfolgerungen ziehen.


4) Besonders anfällig sind „einige verletzliche Gruppen“ – und genau deshalb werden sie oft übersehen

Wichtig ist, dass die negativen Auswirkungen nicht „gleich stark auf alle“ wirken. Forscher sagen, dass die Effekte zwar statistisch sichtbar sind, aber eher klein ausfallen und sich hauptsächlich auf Kinder, die bereits mit Ängsten oder Depressionen belastet sind, Kinder, die mit ihrem Selbstbild kämpfen (besonders diejenigen, die sich oft vergleichen), und Opfer von Mobbing konzentrieren.

 
Cybermobbing endet nicht „in der Schule“. Es verfolgt die Betroffenen rund um die Uhr, egal wo sie sind. Deshalb sind die Wunden tiefer.


Ein weiteres Problem ist, dass gerade die Kinder, die Hilfe brauchen, oft „gut darin sind, es zu verbergen“. Es wird erst sichtbar, wenn ihre Noten oder ihr Leben zusammenbrechen. Für die Umgebung sieht es so aus, als würden sie „es normal nutzen“. Deshalb weichen die Diskussionen oft vom „Erleben der Mehrheit“ ab.


5) Was bedeutet „Abhängigkeit“: Man möchte aufhören, kann es aber nicht, und das Leben wird eingeschränkt

Das Wort Abhängigkeit (Sucht) ist stark. Doch die Kriterien sind überraschend einfach.
Die Person möchte aufhören, kann es aber nicht.
Das Unvermögen aufzuhören führt dazu, dass Bildung, Schlaf, Beziehungen und andere Lebensbereiche eingeschränkt werden.


In diesem Zustand reicht der Rat, die Zeit zu reduzieren, nicht aus. Sowohl das Design (Plattform) als auch die Umgebung (Familie, Schule) spielen eine Rolle.

Tatsächlich gibt es Berichte, dass etwa jeder vierte 10- bis 17-Jährige soziale Medien „problematisch“ nutzt und einige Prozent als abhängig gelten (wie im Artikel erwähnt).

„Als ‚Minderheit‘ abzutun, ist es eine ganze Klassenzimmergröße.“


6) Jugendliche sind sich dessen bewusst – eher „sie wissen es, können aber nicht aufhören“

Interessant ist, dass die Betroffenen sich oft kritisch selbst betrachten. In Umfragen geben viele Jugendliche an, dass sie das Gefühl haben, länger zu nutzen, als sie eigentlich wollten. Zudem empfinden sie die Zeit ohne Smartphone als angenehm.

 
Das bedeutet, der Feind ist nicht das Smartphone. Der Feind ist die „Struktur, gegen die der eigene Wille nicht ausreicht“.


Auch das ZDF warnt vor Algorithmen, „Dark Patterns“ (Designs, die die Nutzung verlängern) und Doomscrolling, und erklärt, dass Kinder aufgrund ihrer Gehirnentwicklung besonders anfällig sind.


7) Reaktionen in sozialen Medien: Empathie, Wut, Gegenargumente

Dieses Thema ist brisant, weil jeder seine eigene „Erfahrung“ hat. Tatsächlich lassen sich die Reaktionen in sozialen Medien und Foren in drei große Gruppen einteilen.

 


A: Empathie „Ich verstehe, die Zeit vergeht wie im Flug“
Die Aussage „Ich wollte nur 10 Minuten, aber plötzlich waren es 2 Stunden“ ist typisch. Auch in Diskussionen auf Reddit wird immer wieder erwähnt, dass sich kurze Zeitabschnitte zu einer großen Zeitspanne summieren.


B: Kritik am Design „Das Problem ist nicht der Wille, sondern das System“
Die Kritik an Plattformen, die mit „endlosen Feeds“, „Autoplay“ und „Empfehlungen“ die Verweildauer maximieren wollen, ist stark. Auch AlgorithmWatch weist darauf hin, dass Empfehlungssysteme mit Werbeeinnahmen verbunden sind und die Struktur fördern, lange zu verweilen, während sie die Komplexität betonen, die nicht einfach durch ein Verbot nach Alter gelöst werden kann.


C: Gegenargumente zur Regulierung „Die Daten sind veraltet / führt zu verstärkter Überwachung“
Gegen die Regulierung von sozialen Medien und Altersverifikation gibt es Bedenken wie „Die Forschung basiert auf veralteten Plattformen“ oder „ID-Verifikation könnte als Vorwand für Überwachung dienen“. Auch im gleichen Reddit-Thread gibt es Hinweise darauf, dass alte Daten nicht die aktuelle Algorithmus-Umgebung widerspiegeln und Bedenken hinsichtlich der Nebenwirkungen der Altersverifikation geäußert werden.


Alle drei Standpunkte haben ihre Berechtigung. Deshalb endet die Diskussion nicht. Doch während die Debatte weitergeht, opfert heute jemand seinen Schlaf, jemand anderes fällt in die Vergleichshölle, und jemand verliert den Ausweg aus dem Mobbing.


8) Was kann man tun? – „Verbot“ oder „Designänderung“ und darüber hinaus

Es ist sinnvoll, die Maßnahmen in drei Ebenen zu unterteilen.


① Familie: Statt Regeln „Beobachtung“ und „Gestaltung von Gesprächen“
Ein sofortiges Wegnehmen führt zu Konflikten. Wichtig ist, in einer ruhigen Zeit zu sprechen, wenn das Gerät nicht genutzt wird, Interesse an der Welt der Kinder zu zeigen und klare Grenzen (vor dem Schlafengehen, während der Mahlzeiten usw.) zu setzen. Die von ZDF vorgestellten Expertenratschläge legen den Schwerpunkt auf „Beobachtung“ statt Überwachung.


② Schule: Smartphones nicht als „Feind“ betrachten, sondern Regeln zum Schutz von Konzentration und Beziehungen schaffen
Ob Smartphones vollständig verboten werden, kann je nach Region und Schulkultur unterschiedlich sein. Wichtig ist jedoch, die Konzentration im Unterricht und die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Pausen zu schützen. Es gibt Kinder, deren Aufmerksamkeit allein durch die Anwesenheit eines Smartphones abgelenkt wird. Hier sollte entschieden werden, „wessen Lernen beeinträchtigt wird“.


③ Plattform / Politik: „Reizgestaltung“ entsprechend dem Alter einschränken
Aus der Wissenschaft kommen Vorschläge, Funktionen, die bei Minderjährigen leicht zur Abhängigkeit führen können, einzuschränken. Dazu gehören beispielsweise die Begrenzung von Push-Benachrichtigungen, endlosem Scrollen und personalisierter Werbung. Die Empfehlungen der Leopoldina umfassen altersgerechtes Design (Umgang mit Algorithmen, Werbung, Einschränkung von abhängigkeitserzeugenden Funktionen) und die Einschränkung der Smartphone-Nutzung in Schulen.


„Nur von Kindern Selbstkontrolle zu verlangen“ ist nicht fair. Der Gegner ist die optimierte Aufmerksamkeitsökonomie selbst.


9) Fazit: Scrollen ist kein „Übel“. Aber es kann auch nicht ignoriert werden.

Für junge Menschen sind soziale Medien ein Ort der Zugehörigkeit und eine Anprobe. Sie probieren ihre Identität aus, finden Freunde und teilen schwer auszusprechende Sorgen. Das kann tatsächlich eine Rettung sein.

 
Andererseits gibt es Menschen, die umso mehr an Schlaf, Selbstbild und mentaler Erholung verlieren, je passiver sie werden. Und das ist bei Kindern, die ohnehin verletzlich sind, oft schwerwiegender.


Deshalb ist es notwendig, weder „Hör auf mit sozialen Medien“ noch „Lass sie machen, was sie wollen“ zu sagen.
Unter der Prämisse eines „nicht aufhörbaren Designs“ müssen Familie, Schule und Plattformen in ihrer jeweiligen Verantwortung eine Umgebung schaffen, die das Aufhören erleichtert.
Wir sind in einer Ära, in der endloses Scrollen endlose Maßnahmen erfordert.



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