Vor dem Spiegel dachte der Fisch — Die Herausforderung des „Selbstbewusstseins“, die der Putzerfisch aufwarf

Vor dem Spiegel dachte der Fisch — Die Herausforderung des „Selbstbewusstseins“, die der Putzerfisch aufwarf

Vor dem Spiegel „friert“ der Fisch ein – und so beginnt die Geschichte

„In den Spiegel schauen und sich selbst erkennen.“ Diese Fähigkeit, die für Menschen selbstverständlich erscheint, wurde in der Welt der Tierkognition lange als eine Art „besondere Grenze“ betrachtet. Der von Gordon Gallup vorgeschlagene Spiegeltest (Markierungstest) ist bekannt dafür, Anzeichen von Selbstbewusstsein zu untersuchen, indem beobachtet wird, ob Schimpansen und andere Tiere eine „Markierung auf ihrem Körper“ mithilfe des Spiegels berühren.


Doch es gibt Wesen, die diese Grenze ins Wanken bringen. Der Putzerfisch (Labroides dimidiatus), bekannt als „Reiniger“ des Meeres, ist so groß wie ein Finger. Diese Fische ernähren sich von Parasiten und alter Haut auf den Körpern größerer Fische und spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem der Korallenriffe. Das Verhalten, das diese kleinen Fische vor dem Spiegel zeigen, stellt die grundlegende Frage „Was ist Selbstbewusstsein?“ infrage.



Was misst der Spiegeltest – Ein Zeichen von „Ich bin es“ ist nicht das einzige

Der Spiegeltest untersucht nicht nur, ob ein Tier auf sein Spiegelbild reagiert, sondern ob es den Spiegel als Informationsquelle nutzt, um normalerweise unsichtbare Körperteile zu überprüfen und sein Verhalten zu ändern. Ein typisches Beispiel ist das Anbringen einer Farbmarkierung an einer unsichtbaren Stelle und die Beobachtung, ob das Tier nur dann darauf reagiert, wenn ein Spiegel vorhanden ist.


Doch hier wird es schwierig.

  • Was ist mit Tieren, die die Markierung nicht berühren können?

  • Werden selbstgerichtete Verhaltensweisen, die nicht „berühren“ beinhalten, nicht bewertet?

  • Ist der Test nicht zu nachteilig für Tiere, die nicht hauptsächlich visuell orientiert sind?


Der Spiegeltest ist zwar praktisch, aber es ist schwierig, zu behaupten, dass „keine Reaktion auf diesen Test = kein Selbstbewusstsein“ bedeutet. Umgekehrt ist es auch schwierig zu sagen, dass „Reaktion = Selbstbewusstsein“ bedeutet. Der Spiegeltest betrachtet nur „einen Aspekt des Selbstbewusstseins“, und diese Kritik gibt es schon lange.



Das „scheinbare“ Verhalten des Putzerfisches – Angriff → Untersuchung → Selbstbehandlung

Ein Artikel in PLOS Biology aus dem Jahr 2019 berichtet, dass der Putzerfisch sein Verhalten gegenüber dem Spiegel schrittweise ändert. Zuerst betrachtet er das Spiegelbild als „anderen Fisch“ und wird aggressiv, zeigt dann seltsame Bewegungen (eine Art Kontingenztestverhalten) und versucht schließlich, eine Farbmarkierung, die nur im Spiegel sichtbar ist, durch Reiben zu entfernen.


Das Verhalten „nur bei Anwesenheit eines Spiegels auf eine unsichtbare Markierung zu reagieren“ kommt den Anforderungen des klassischen Spiegelmarkierungstests ziemlich nahe. Da es zudem durch ein Verhalten gezeigt wird, das zu ihrer Ökologie passt (Reiben, um Parasiten zu entfernen), argumentieren die Forscher, dass es sich um eine „ökologisch sinnvolle Aufgabe“ handelt.



Die Forschung geht weiter: Erkennen sie sich selbst im Gesicht? Stellen sie sich die Größe ihres Körpers vor?

In den letzten Jahren gab es weitere Studien, die die Diskussion anregen.


1) Hypothese des mentalen Bildes des „eigenen Gesichts“ (PNAS, 2023)
Die PNAS-Studie legt nahe, dass der Putzerfisch das Spiegelbild nicht nur anhand der „Bewegungsübereinstimmung“ beurteilt, sondern möglicherweise anhand der Merkmale seines „Gesichts“ sich selbst identifiziert. Diese Behauptung erinnert an das menschliche Selbstgesichtserkennen und könnte, wenn sie zutrifft, die „Verständnisdimension des Spiegels“ auf eine höhere Ebene heben.


2) Untersuchung der „mentalen Repräsentation der Körpergröße“ (Scientific Reports, 2024)
In den Scientific Reports von 2024 wurde berichtet, dass Individuen, die die Fähigkeit zur Spiegel-Selbstwahrnehmung (MSR) zeigen, möglicherweise ihre Körpergröße mental repräsentieren und zur Situationsbewertung nutzen. Da die Körpergröße bei Fischen eine Rolle im sozialen Rang und bei Auseinandersetzungen spielt, ist die Möglichkeit, dass sie ein inneres Modell ihrer Größe verwenden, auch aus verhaltensökologischer Sicht interessant.


3) Der „Schock des 30-Minuten-Durchgangs“ (Scientific Reports, 2025)
Darüber hinaus diskutieren die Scientific Reports von 2025 die Möglichkeit, dass der Putzerfisch sehr schnell zur Spiegel-Selbstwahrnehmung gelangen kann, was schwer allein als „Ergebnis des Lernens“ zu erklären ist. An diesem Punkt wird es schwierig, es nur als „Spiegelgewöhnung“ abzutun.


Natürlich bedeutet dies nicht, dass sie „Selbstbewusstsein“ haben. Aber zumindest scheint es, dass Fische zwischen „Spiegel = anderer“ und „Spiegel = Informationsquelle“ wechseln und selbstbezogene Informationen extrahieren. Die Frage ist, wie man das nennt.



Ist es Selbstbewusstsein oder instrumentelles Denken? – Frans de Waals „unangenehm scharfsinnige“ Beobachtung

Die Faszination dieser Debatte liegt darin, dass es kein einfaches Gewinnen oder Verlieren gibt. Frans de Waal, bekannt für seine Primatenforschung, greift die Studien zum Putzerfisch auf und argumentiert, dass das, was der Spiegeltest misst, stufenweise und kontinuierlich betrachtet werden sollte.


Im Wesentlichen läuft es darauf hinaus.

  • Versteht der Fisch den Spiegel konzeptionell als „sich selbst“

  • oder verwendet er nur die „im Spiegel reflektierten Körperinformationen, um das aktuelle Problem (markierungsähnlicher Parasit) zu lösen“?


Letzteres ist zwar auch komplex, könnte sich aber vom Ersteren unterscheiden. Tatsächlich zeigt auch die Max-Planck-Erklärung eine Haltung, die nicht vorschnell „Spiegeltest bestanden = Selbstbewusstsein“ gleichsetzt, und die „Bedeutung“ des Spiegeltests wird hinterfragt.


Anders gesagt, der Putzerfisch stellt nicht nur die Frage „Haben Fische Selbstbewusstsein?“, sondern auch, **„Darf man den Spiegeltest als ‚Selbstbewusstseinstest‘ bezeichnen?“**



Reaktionen in sozialen Medien: Überraschung, Skepsis und „Ethik“

 

Dieses Thema ist in sozialen Medien beliebt. Der Grund ist einfach: „Fische mit Selbstbewusstsein“ ist ein starker Ausdruck. Ein Blick auf die tatsächlichen Beiträge zeigt, dass die Reaktionen grob in drei Kategorien unterteilt werden können.


1) „Wow, Fische sind zu schlau“

Wissenschafts-News-Accounts und Forschungspräsentationen verbreiten leicht Ausdrücke wie „kleine Fische erkennen sich im Spiegel“ oder „erkennen sich selbst auf Fotos“.


Hier überwiegt das Gefühl, dass „der gesunde Menschenverstand auf den Kopf gestellt wird“, über die feinen Vorbehalte. In den Kommentaren wird oft gefragt: „Sind es nicht nur Delfine und Elefanten?“ oder „Was kommt als nächstes?“.


2) „Ist das nicht nur eine Reaktion auf die ‚markierungsähnliche Markierung‘ und kein Selbstbewusstsein?“

In wissenschaftlichen Reddit-Threads taucht neben der Aufregung immer auch Skepsis auf. Fragen wie „Gibt es Beweise dafür, dass das Spiegelbild als Selbst erkannt wird?“ oder „Ist es nicht nur Konditionierung?“ sind häufig, und es herrscht eine starke Vorsicht gegenüber der Gültigkeit des Spiegeltests und der Interpretation.


Interessant ist, dass sich der Diskussionspunkt hier weniger darauf konzentriert, „ob man den Fischen glaubt“, sondern mehr auf die „Strenge des Testdesigns und der Interpretation“. Es scheint weniger daran zu liegen, dass die wissenschaftliche Kompetenz der Internetnutzer hoch ist, sondern mehr daran, dass „wenn das Thema groß wird, reflexartig die Bremse gezogen wird“.


3) „Dürfen wir dann Fische essen? Dürfen wir sie fangen?“ (Verbindung zu Ethik und Gesellschaft)

Das Thema Selbstbewusstsein führt oft zu Diskussionen über Tierschutz und Fischereiethik. In Kontexten von Tierschutzorganisationen wird es oft mit der Behauptung „Fische empfinden Schmerz und haben Kognition“ verbunden.


In diesem Zusammenhang wird weniger über die Forschungsergebnisse selbst diskutiert, sondern mehr darüber, „ob sich unsere Behandlung ändern sollte“. Wenn wissenschaftliche „Entdeckungen“ auf Lebensgewohnheiten und Industriepraktiken treffen, wird die Diskussion schnell hitzig.


Und nicht zu vergessen die vierte Kraft: „Meme-Kultur“

„Fische, die in den Spiegel schauen und sich selbst reflektieren“ oder „haben mehr Selbstbewusstsein als Menschen“ sind beliebte Themen für Memes. Auf Reddit gibt es viele Beiträge mit niedlichen Bildern oder provokanten Überschriften, die „Wissenschaft“ und „Humor“ vereinen.



Fazit: Hat der Putzerfisch ein „Selbstbewusstsein“?

Um ehrlich zu sein, ist es derzeit zu früh, um zu behaupten, dass „Fische ein menschliches Selbstbewusstsein haben“. Das Bestehen des Spiegeltests zeigt zumindest, dass

  • sie den Spiegel nicht nur als „anderen Fisch“ behandeln

  • sie Informationen über sich selbst aus dem Spiegelbild extrahieren können

  • sie diese Informationen in Verhalten umsetzen können
    ein Bündel von hochentwickelten kognitiven Fähigkeiten darstellt.


Doch hier wird die Welt interessant.

Wenn „Selbstbewusstsein = Spiegeltest bestanden“ nicht zutrifft,wie sollten wir „Selbstbewusstsein“ definieren.
Wenn „Selbstwahrnehmung kontinuierlich ist“,wo ziehen wir die anthropozentrische Grenze.


Der Putzerfisch zeigt, dass Intelligenz, die in der Umwelt benötigt wird, unabhängig von der Größe des Gehirns oder der Zugehörigkeit zu Säugetieren, sich weit entwickeln kann. Der kleine Reiniger entfernt vor dem Spiegel leise unsere Vorurteile.



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