Designverteidigung im Zeitalter der Nachahmungen – Regal, Sideboard oder Kunstwerk? Der deutsche Bundesgerichtshof erschütterte die gängigen Vorstellungen von Designermöbeln

Designverteidigung im Zeitalter der Nachahmungen – Regal, Sideboard oder Kunstwerk? Der deutsche Bundesgerichtshof erschütterte die gängigen Vorstellungen von Designermöbeln

Ab wann wird Möbel "Kunst"? – Die USM Haller-Klage und die Grenzen des Designschutzes

Stahlpaneele, verchromte Rundrohre, kugelförmige Verbindungen. Die Möbel von USM Haller, die in Büros, Wohnungen, Galerien und Geschäften von Modemarken zu finden sind, haben einen unverwechselbaren Charakter. Doch ist dieser Charakter durch das Urheberrecht als "Kunst" geschützt? Oder handelt es sich lediglich um ein industrielles Produkt, das aus einer funktionalen Struktur hervorgegangen ist?

Um diese Frage dreht sich der langjährige Streit zwischen dem Schweizer Möbelhersteller USM und einem konkurrierenden Unternehmen aus Nürnberg, Deutschland. Der Streitpunkt ist nicht nur das Problem "ähnlicher Möbel". Es geht um die Frage, ob ein modulares Möbelsystem, das auf Langlebigkeit und Austauschbarkeit der Teile ausgelegt ist, als "Werk" im Sinne des Urheberrechts behandelt werden kann – ein Problem, das die gesamte Designindustrie betrifft.

Das Bundesgerichtshof (BGH) in Deutschland hat am 2. Juli 2026 eine wichtige Entscheidung in diesem Rechtsstreit getroffen. Zusammengefasst hat USM nicht vollständig gewonnen. Das BGH hat nicht endgültig entschieden, dass USM Haller sofort urheberrechtlich geschützt ist, sondern die Entscheidung des Oberlandesgerichts Düsseldorf, das den Schutz verneinte, als problematisch angesehen und den Fall zur erneuten Prüfung zurückverwiesen. Das bedeutet, dass erneut geprüft werden muss, ob USM Haller wirklich als "Werk der angewandten Kunst" angesehen werden kann.

Diese Entscheidung hat jedoch eine große Bedeutung. Das BGH hat bestätigt, dass auch Gebrauchsgegenstände wie Möbel urheberrechtlich geschützt werden können, wenn sie eine gewisse Originalität aufweisen und die freie und kreative Wahl des Schöpfers zum Ausdruck bringen. Zudem darf, laut dem Europäischen Gerichtshof, für Gebrauchsgegenstände keine höhere Hürde als für Gemälde oder Skulpturen angesetzt werden. Diese Entscheidung könnte sich auf Designmöbel, Beleuchtung, Alltagsgegenstände, Schuhe und Interieurprodukte auswirken, bei denen Funktion und Schönheit vereint sind.

USM Haller ist ein modulares Möbelsystem, das in den 1960er Jahren von den Architekten Fritz Haller und Paul Schärer entwickelt wurde. Ursprünglich wurde es als Möbel für die neuen Fabrik- und Büroräume der USM konzipiert. Wie in der Architektur können die Komponenten kombiniert und bei Bedarf erweitert werden. Diese Rationalität ist der Reiz und gleichzeitig der Streitpunkt in diesem Prozess.

Die Argumentation der Beklagten war klar. Elemente wie Rundrohre, kugelförmige Verbindungen und Metallpaneele seien aus funktionalen Gründen wie Stabilität, einfacher Montage und Erweiterbarkeit entstanden und nicht das Ergebnis freier künstlerischer Entscheidungen. Auch wenn sie schön aussehen, seien sie lediglich das Resultat technischer und praktischer Zwänge.

USM hingegen argumentierte, dass es sich nicht nur um eine Ansammlung von Teilen handelt, sondern dass die Gestaltung, Proportionen, Farben, Struktur und visuelle Einheitlichkeit als Ganzes Kreativität enthalten. USM Haller wird seit langem als Designklassiker geschätzt und findet nicht nur in Wohn- und Büroräumen, sondern auch in Museen und im Designkontext Verwendung. Es ist also ein Gebrauchsgegenstand mit kulturellem Wert.

Dieser Konflikt ist sehr symbolisch für das moderne Designgeschäft. Viele Produktdesigns entstehen nicht aus reiner Dekoration, sondern aus der Lösung funktionaler Anforderungen. Ein Stuhl ist zum Sitzen da, ein Regal zum Abstellen von Gegenständen und eine Lampe zum Beleuchten. Wenn jedoch alles unter "funktional, daher nicht urheberrechtlich geschützt" fällt, werden herausragende Designs leichter nachgeahmt. Andererseits könnte ein zu weiter Urheberrechtsschutz die Kreativität von unabhängigen Herstellern, den Austausch von Ersatzteilen, Reparaturen und den Sekundärmarkt übermäßig einschränken.

Die vorsichtige Herangehensweise des BGH liegt genau darin begründet. Das Gericht sagt nicht, dass "schönes Design geschützt wird". Schönheit und Popularität allein reichen nicht aus. Es ist notwendig, genau zu bestimmen, welche Teile nicht technisch notwendig sind und die freie und kreative Wahl des Schöpfers darstellen. Auch bei der Beurteilung von Verletzungen muss geprüft werden, ob die geschützten kreativen Elemente im Produkt des Konkurrenten reproduziert wurden, und nicht nur, ob der Gesamteindruck ähnlich ist.

Hierbei ist entscheidend, ob die Elemente von USM Haller einzeln oder als Gesamtsystem betrachtet werden. Wenn man nur die Rohre, kugelförmigen Verbindungen oder Paneele herausnimmt, erscheinen sie als funktionale Teile. Doch wenn sie in bestimmten Proportionen, Wiederholungen, Farben, Verbindungsarten und visuellen Rhythmen vereint werden, kann eine Kreativität entstehen, die über eine bloße Ansammlung von Industriekomponenten hinausgeht. Der Wert des Designs liegt oft nicht in den einzelnen Teilen, sondern in der Idee der Kombination.

Die Reaktionen in den sozialen Medien und der Fachgemeinschaft spiegelten diesen subtilen Streitpunkt wider. Auf LinkedIn zeigten sich bereits vor dem Urteil großes Interesse von Anwälten für geistiges Eigentum und Experten für Designrecht, die prognostizierten, dass USM nicht vollständig verlieren würde und der Fall zurückverwiesen werden könnte. In den Kommentaren wurde die Ansicht geteilt, dass das vom Oberlandesgericht Düsseldorf angewandte Originalitätskriterium zu streng war, wenn man die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs berücksichtigt. Gleichzeitig gab es auch nüchterne Stimmen, die darauf hinwiesen, dass die endgültige Entscheidung noch aussteht, selbst wenn das Urteil zugunsten von USM ausfällt.

 

Auf X gab es nach dem Urteil Medienbeiträge, die berichteten, dass das BGH den Fall nach Düsseldorf zurückverwiesen hat und dies Rückenwind für USM bedeutet. Auch Konten im Bereich geistiges Eigentum teilten mit, dass die Möbel von USM Haller als angewandte Kunst urheberrechtlich geschützt werden könnten, die endgültige Entscheidung jedoch beim Oberlandesgericht liegt. Die Reaktionen waren weniger emotional aufgeladen, sondern zeigten ein praktisches Interesse von Juristen, Designern und der Möbelindustrie, da dies Auswirkungen auf den Umgang mit Nachahmungen und den Ersatzteilmarkt haben könnte.

Im Kontext von Innenarchitektur und Designliebhabern wird USM Haller in den letzten Jahren auch als fotogenes Möbelstück auf sozialen Medien wiederentdeckt. Die verchromte Struktur und die leuchtenden Paneelfarben passen sowohl in minimalistische Räume als auch in farbenfrohe Wohnumgebungen. Auf Instagram und TikTok wird es oft als Vintage- oder Gebrauchtstück, in maßgeschneiderten Konfigurationen oder als Stauraum im Homeoffice vorgestellt. Diese wachsende Beliebtheit steigert den Markenwert, weckt aber auch Interesse an ähnlichen Produkten und kompatiblen Teilen. Der Grund, warum dieser Prozess nicht nur eine rechtliche Nachricht ist, sondern mit dem "Konsum von Meisterwerken" im Zeitalter der sozialen Medien verbunden ist, liegt genau darin.

Interessant ist, dass der Reiz von USM Haller sowohl in seiner Beständigkeit als auch in seiner Wandelbarkeit liegt. Die Grundstruktur hat sich über die Jahre kaum verändert, und die Kompatibilität von alten und neuen Teilen wird hervorgehoben. Gleichzeitig können Benutzer Größe, Farbe, Stauraumkonfiguration und Verwendung frei ändern. Diese Flexibilität ist der Grund, warum es als nachhaltiges und langlebiges Möbelstück geschätzt wird. Doch gleichzeitig ermöglicht die Modularität auch Dritten, kompatible Teile leicht herzustellen. Was die Marke schützen möchte und was der Markt an Reparatur- und Erweiterungsfreiheit sucht, entspringt derselben Struktur.

Das Urteil ist kein magisches Mittel, um Kopien auf einen Schlag zu beseitigen. Vielmehr fordert das Gericht von der Marke, genau zu erklären, "was kreativ ist". Für Designunternehmen reicht es nicht aus, nur "berühmt", "teuer" oder "lange verkauft" zu sein. Sie müssen den Entwicklungsprozess, die gestalterischen Entscheidungen, die von der Funktion unabhängigen Teile, die Bewertung durch Experten und den Markt sowie die Behandlung in Museen darlegen, um die Kreativität konkret zu zeigen.

Für den Ersatzteil- und Reparaturmarkt wird das Risikomanagement wichtiger. Der rechtliche Unterschied zwischen dem Verkauf von Ersatzteilen und dem Aufbau eines Möbel-Systems, das dem Original optisch nahekommt, kann erheblich sein. Insbesondere wenn Kunden einen Service erhalten, der es ihnen ermöglicht, ein fertiges Möbelstück zu erhalten, das dem Original ähnelt, sind sorgfältige Überlegungen aus urheberrechtlicher und wettbewerbsrechtlicher Sicht erforderlich.

Auch für Verbraucher ist dieses Urteil nicht irrelevant. Der Preis für Meistermöbel umfasst nicht nur Material und Fertigungsqualität, sondern auch das über Jahre geschützte Designkonzept und das Vertrauen in die Marke. Die Wahl eines Originals bedeutet, für diesen Wert zu zahlen. Wenn jedoch Reparaturen, Teileaustausch und der Sekundärmarkt übermäßig eingeschränkt werden, könnte dies dem nachhaltigen Gedanken, Dinge lange zu nutzen, widersprechen. Der Schutz des Designs und die Freiheit, es weiter zu nutzen, sind zwei Themen, die in Zukunft in Einklang gebracht werden müssen.

Auch für japanische Unternehmen und Kreative ist dieser Prozess von Interesse. In Japan ist der Schutz von Design in Möbeln, Haushaltswaren, Mode und Industrieprodukten stets eine Herausforderung. Geschmacksmusterrechte, Markenrechte, das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb und das Urheberrecht decken jeweils unterschiedliche Schutzbereiche ab. Besonders das Urheberrecht erscheint stark, da es keine Registrierung voraussetzt, doch bei Gebrauchsgegenständen ist die Trennung von "Kreativität" und "Funktionalität" schwierig. Die Diskussionen in Europa bieten wertvolle Anregungen für die Entwicklung von Designschutzstrategien in Japan.

Der USM Haller-Prozess zeigt, dass es nicht nur um die Frage geht, ob Möbel Kunst sein können. Wichtig ist, genau zu bestimmen, wie viel freie kreative Entscheidung in einem Gebrauchsgegenstand steckt. Auch wenn die Form der Funktion folgt, kann sich in der Art und Weise, wie diese Funktion schön und als konsistente Idee umgesetzt wird, die Persönlichkeit und Wahl des Schöpfers widerspiegeln.

USM Haller ist noch nicht endgültig urheberrechtlich geschützt. Die nächste Bühne ist das Oberlandesgericht Düsseldorf. Doch durch die Entscheidung des BGH ist zumindest die Ansicht, dass Möbel schwer urheberrechtlich zu schützen sind, zurückgegangen. Nun wird gefragt, wo im System von USM Haller Kreativität liegt und wie diese in Konkurrenzprodukten übernommen wurde.

Meistermöbel sind nicht nur Werkzeuge des täglichen Lebens, sondern auch eine Kultur, die über Generationen hinweg weitergegeben wird. Deshalb schaden sowohl übermäßige Monopole als auch leichtfertige Nachahmungen einem gesunden Markt. Der USM Haller-Prozess stellt erneut die Frage, was es bedeutet, Design zu schützen und wie die Gesellschaft den Wert von "nutzbarer Kunst" behandeln sollte.


Quellen-URL

dpa-AFX-Artikel vor dem Urteil: Streitpunkte zwischen USM und dem Konkurrenten, Grundlagen des Urheberrechtsschutzes, bisheriger Verlauf des Rechtsstreits.
https://www.aktiencheck.de/news/Artikel-ROUNDUP_Vom_Urheberrecht_geschuetzt_Wann_Moebel_Kunstwerken_werden-19899509

BGH offizielle Ankündigung: Informationen zum Urteil vom 2. Juli 2026 über den Urheberrechtsschutz des "USM Haller Möbelbausystems".
https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/2026123.html

BGH-Urteilsanalyse: Rückverweisung an das Oberlandesgericht Düsseldorf, keine hohen Maßstäbe für angewandte Kunst.
https://legal-patent.com/allgemein-de/bgh-staerkt-urheberrechtsschutz-fuer-designklassiker-das-usm-haller-urteil-i-zr-96-22/

Handwerksblatt: Kernaussagen nach dem BGH-Urteil, Möbel können bei ausreichender Originalität als angewandte Kunst geschützt werden, Schönheit allein reicht nicht aus.
https://www.handwerksblatt.de/betriebsfuehrung/bgh-auch-moebel-koennen-urheberrechtlich-geschuetzt-sein

EuGH-Urteilsinformationen: Grundlagen der Beurteilung von angewandter Kunst und Werkschutz durch den Europäischen Gerichtshof am 4. Dezember 2025.
https://infocuria.curia.europa.eu/tabs/document?cid=16342441&dir=&docid=306835&doclang=en&mode=req&occ=first&pageIndex=0&part=1&source=document&text=

LinkedIn-Beitrag: Diskussionen unter Experten für geistiges Eigentum vor dem Urteil, Erwartungen einer Rückverweisung und Meinungen in den Kommentaren.
https://www.linkedin.com/posts/oloeffel_copyright-judgment-day-the-german-federal-activity-7476288160180801537-SgHZ

X-Beitrag: Bericht von Der Bund, dass das BGH den Fall nach Düsseldorf zurückverwiesen hat und dies Rückenwind für USM bedeutet.
https://x.com/derbund/status/2072696551453995434

USM offizielle Informationen: Geschichte von USM Haller, die modulare Idee aus den 1960er Jahren, Position als Design-Ikone.
https://www.usm.com/ja-jp/about/our-story

MoMA-Sammlungsinformationen: Das "Haller System" von Fritz Haller ist in der MoMA-Sammlung enthalten.
https://www.moma.org/collection/works/82156

Hintergrund der Beliebtheit bei jungen Menschen und in sozialen Medien: USM Haller wird auf TikTok und Instagram wiederentdeckt und verbreitet sich unter Gen Z und Designliebhabern.
https://www.architecturaldigest.com/story/usm-haller-factory-personal-essay