Sind Japaner wirklich religionslos? Neue Forschung zeigt "überlappende Glaubensrichtungen"

Sind Japaner wirklich religionslos? Neue Forschung zeigt "überlappende Glaubensrichtungen"

„Ein Land, das betet, obwohl es keine Religion hat“ – Wo liegt der Glaube der Japaner?

Zu Neujahr besuchen viele Menschen einen Schrein. Sie reinigen ihre Hände mit Wasser, läuten die Glocke, verbeugen sich zweimal, klatschen zweimal in die Hände und verbeugen sich erneut, um für Gesundheit, Erfolg bei Prüfungen und geschäftlichen Erfolg im kommenden Jahr zu beten. Im Sommer kehren sie in ihre Heimat zurück, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besuchen und sie während der Obon-Zeremonien zu empfangen. Zu Hause gibt es einen buddhistischen Altar, an dem an Todestagen Räucherstäbchen angezündet werden. Bei regionalen Festen werden tragbare Schreine getragen, und zur Feier des Wachstums von Kindern versammeln sich Familien in festlicher Kleidung im Schrein.

Fragt man jedoch diese Menschen, ob sie an eine Religion glauben, antworten nicht wenige mit „Nein“. Oder sie sagen: „Ich habe keinen besonderen Glauben“ oder „Ich bin religionslos“. Sie besuchen Schreine, gehen zu Gräbern und beten vor dem buddhistischen Altar, aber sie betrachten sich nicht als „religiöse Menschen“.

Dieses scheinbar widersprüchliche Verhalten könnte der wichtigste Ausgangspunkt sein, um das religiöse Verständnis der Japaner zu betrachten.

Eine neue Studie von Forschern der Doshisha-Universität und der Hokkaido-Universität versucht, die Religiosität der Japaner aus den drei Aspekten „Zugehörigkeit“, „Glaube“ und „Praxis“ neu zu betrachten. Traditionelle religiöse Umfragen gehen oft davon aus, dass Religion bedeutet, einer bestimmten Glaubensgemeinschaft anzugehören, klare Dogmen zu glauben und regelmäßig an Gottesdiensten oder Ritualen teilzunehmen. Dies ist als Rahmen sozialer Untersuchungen, die sich hauptsächlich im christlichen Raum entwickelt haben, leicht verständlich.

Wendet man diesen Rahmen jedoch direkt auf Japan an, wird die Realität nicht richtig erfasst. Denn in Japan sind religiöse Handlungen nicht unbedingt mit einem religiösen Selbstverständnis verbunden.

In der aktuellen Studie wurden Daten aus einer landesweit repräsentativen Umfrage in Japan im Jahr 2024 verwendet, bei der über 4.000 Antworten analysiert wurden. Die Fragen untersuchten gleichzeitig, wie die Befragten ihre religiöse Haltung ausdrücken, an welchen Ritualen sie teilnehmen und welche Ansichten sie über Gott und das Leben nach dem Tod haben.

Das Ergebnis zeigte, dass über 40 % der Befragten sich als „religionslos“ oder „atheistisch“ bezeichneten, während viele von ihnen dennoch an Ritualen wie Schreinbesuchen und Ahnenverehrung teilnahmen. Das bedeutet, dass in Japan „keine religiöse Identität zu haben“ und „keine religiösen oder traditionellen Handlungen auszuführen“ nicht unbedingt dasselbe sind.

Für viele Japaner dürfte dies eher ein vertrautes Ergebnis sein.

„Zum Schrein zu gehen ist eher eine Gewohnheit als Religion“
„Das Besuchen von Gräbern ist eher eine Höflichkeit gegenüber der Familie als Glaube“
„Ich kaufe Talismane, aber ich glaube nicht an einen bestimmten Gott“
„Vor dem buddhistischen Altar zu beten, ist eine Zeit, um an die Verstorbenen zu denken“

Solche Empfindungen sind in der japanischen Gesellschaft nicht ungewöhnlich. Es gibt eine Religiosität, die sich nicht in der Dichotomie von Glauben oder Nichtglauben, Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit erfassen lässt, sondern im Alltag verankert ist.

Besonders beachtet wird in der Studie der Klang des Wortes „Religion“ im Japanischen. Wenn man in Japan „Religion“ sagt, denken viele Menschen an bestimmte Glaubensgemeinschaften, Dogmen, Missionierung, Organisationen und manchmal an neue Religionen, die zu sozialen Problemen geworden sind. Dies beinhaltet auch den Eindruck von etwas, dem man sich eher distanzieren möchte, das tief in das persönliche Leben eindringt und in manchen Fällen Vorsicht erfordert.

Auf der anderen Seite sind Schreine, Tempel, Feste, Gräberbesuche, buddhistische Altäre und Jahresfeste für viele Menschen eher „Kultur“, „Tradition“, „Familienveranstaltungen“ oder „regionale Gewohnheiten“ als „Religion“. Deshalb führen Menschen religiöse Handlungen aus, ohne sich selbst als religiös zu bezeichnen.

Diese Struktur steht in engem Zusammenhang mit der Religionsgeschichte Japans. In Japan haben sich über lange Zeiträume Shintoismus, Buddhismus, Volksglauben und Ahnenverehrung überlagert. Vor der Trennung von Shintoismus und Buddhismus in der Meiji-Zeit waren Schreine und Tempel oft eng miteinander verbunden. Im Haus symbolisiert der buddhistische Altar die Verbindung zu den Vorfahren, und in der Region stärkt das Schrein-Fest die Gemeinschaftsbindung. Dazu kommen der moderne Staat, die Trennung von Religion und Staat nach dem Krieg, die Vorsicht gegenüber neuen Religionen, Urbanisierung und der demografische Wandel, die die heutige komplexe religiöse Landschaft formen.

Die aktuelle Studie versucht, diese Komplexität nicht als „Widerspruch“, sondern als „Vielschichtigkeit“ zu verstehen.

Zum Beispiel ist es im japanischen Kontext nicht ungewöhnlich, wenn jemand sowohl „Buddhist“ als auch „dem Shintoismus zugetan“ auswählt. Manche Menschen haben buddhistische Beerdigungen, besuchen zu Neujahr Schreine, genießen Weihnachten als Event und haben eine Hochzeitszeremonie im Kapellenstil. Von außen betrachtet mag dies inkohärent erscheinen. Für die Betroffenen sind es jedoch natürliche Handlungen, die mit Lebenssituationen, Jahreszeiten, familiären Beziehungen und sozialen Gewohnheiten verbunden sind.

In der westlichen Religionsauffassung wird Religion oft durch den inneren Glauben „Was glaube ich?“ erklärt. In Japan hingegen spielen die praktischen Aspekte „Wie verhält man sich?“, „Welche Feste sind wichtig?“ und „Mit wem teilt man Erinnerungen?“ eine große Rolle. Körperlich verankerte Handlungen wie Jahresfeste und Ahnenverehrung können die Religiosität stärker ausdrücken als Glaubensbekenntnisse.

Auch in sozialen Netzwerken wird dieses Thema häufig diskutiert.

 

Der Artikel auf Phys.org selbst ist unmittelbar nach der Veröffentlichung noch nicht weit verbreitet oder kommentiert, aber in Beiträgen über die japanische Religionsauffassung und Diskussionen in ausländischen Foren sind ähnliche Reaktionen immer wieder zu beobachten. Ein typisches Beispiel ist die Zustimmung: „Ich halte mich auch für religionslos, aber ich besuche Schreine und Gräber, daher kann ich das Forschungsergebnis nachvollziehen.“ Für japanische Leser ist der Inhalt der Studie weniger eine Überraschung als vielmehr eine sprachliche Erfassung des Alltags.

In den Reaktionen aus dem Ausland sticht hingegen die Frage hervor: „Ist das Religion oder Kultur?“ Handlungen wie das Beten im Schrein, das Läuten der Glocke im Tempel oder das Besuchen von Gräbern der Vorfahren erscheinen von außen betrachtet als Religion. Wenn jedoch die Betroffenen sagen, dass es „keine Religion“ ist, wie sollte man dann mit dieser Selbstwahrnehmung umgehen? Diese Diskrepanz führt leicht zu Diskussionen in sozialen Netzwerken.

Ein weiteres Thema, das oft angesprochen wird, ist: „Warum gibt es in Japan trotz schwachen Glaubens eine gesellschaftliche Ordnung?“ Dagegen gibt es viele Einwände, dass es zu einfach ist, Moral und soziale Ordnung nur durch das Vorhandensein oder Fehlen von Religion zu erklären. Die Ordnung in der japanischen Gesellschaft ist das Ergebnis eines Zusammenspiels mehrerer Faktoren, darunter Bildung, Gemeinschaft, sozialer Druck, Rechtssystem, historische Gewohnheiten und die Kultur der Scham.

Außerdem wird in sozialen Netzwerken oft darauf hingewiesen, dass „Japaner nicht Religion hassen, sondern religiösen Organisationen gegenüber misstrauisch sind“. Das Aum-Shinrikyo-Ereignis von 1995 und die politischen und sozialen Probleme rund um die ehemalige Vereinigungskirche haben die Distanz zum Begriff Religion verstärkt. Schreine und Tempel sind vertraut, aber bei den Begriffen „religiöse Organisation“ und „Bekehrung“ wird man vorsichtig. Dieses doppelte Empfinden ist unerlässlich, um das religiöse Bewusstsein im modernen Japan zu verstehen.

Wichtig ist hier, nicht zu behaupten, dass Japaner „eigentlich religiös sind, es aber nicht merken“. Vielmehr muss anerkannt werden, dass die Definition des Begriffs Religion je nach Kultur unterschiedlich ist.

Was ist „Religion“?

Ist es der Glaube an Gott?
Ist es die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft?
Ist es das regelmäßige Abhalten von Gottesdiensten?
Ist es das Gedenken an die Toten?
Ist es der Respekt vor der Natur und den Vorfahren?
Ist es das Durchführen von Ritualen zu Lebensübergängen?
Oder ist es die Beziehung zu etwas, das über einen selbst hinausgeht?

Die Antwort auf diese Frage unterscheidet sich stark je nach Gesellschaft. Im Fall Japans erscheint Religion oft nicht als klarer Glaubenssatz, sondern als Lebensrhythmus, Familienerinnerung, regionales Fest oder saisonales Ereignis. Daher ergeben sich völlig unterschiedliche Ergebnisse, je nachdem, ob man in einer Umfrage fragt: „Glauben Sie an Religion?“, „Besuchen Sie Schreine oder Tempel?“ oder „Verehren Sie Ihre Vorfahren?“.

Das Problem der Erhebungsmethoden, auf das die Studie hinweist, liegt genau darin. Schon eine kleine Änderung in der Formulierung der Frage kann den Anteil der „religiösen Menschen“ erheblich verändern. Fragt man „Haben Sie eine Religion?“, erscheint es gering. Fragt man „Was denken Sie über Gottheiten oder das Leben nach dem Tod?“, zeigt sich ein anderes Bild. Fragt man „Nehmen Sie an Ritualen teil?“, entsteht ein weiteres Bild der Japaner.

Dies ist kein Problem, das nur Japan betrifft. Es ist auch eine wichtige Herausforderung für ganz Ostasien und sogar für globale Vergleichsstudien. Wenn das Maß zur Messung der Religiosität weltweit auf einer bestimmten religiösen Kultur basiert, gibt es zwangsläufig Dinge, die mit diesem Maß nicht erfasst werden können. Ob jemand zur Kirche geht, an einen bestimmten Gott glaubt oder einer Konfession angehört, reicht nicht aus, um zu messen, wie Menschen mit Transzendenz, Toten, Natur, Gemeinschaft und Lebensübergängen umgehen.

Die religiöse Landschaft Japans ist in gewisser Weise nicht „dünn“, sondern „weit verstreut“. Sie ist nicht stark als Institution gebündelt. Sie zeigt sich nicht als wöchentliche Teilnahme an Gottesdiensten oder als klares Verständnis von Dogmen. Aber sie ist in Form von Neujahrsbesuchen, Obon-Gräberbesuchen, Beerdigungen, Grundsteinlegungszeremonien, Shichi-Go-San, Schutz vor Unglück, Prüfungsgebeten, Verkehrssicherheitsgebeten, Goshuin, Festen, buddhistischen Altären, Ahnenplaketten und Räucherstäbchen im Alltag verstreut.

Daher ist die Religiosität der Japaner näher an der Realität, wenn man sie nicht als „Glauben oder Nichtglauben“ sieht, sondern als „in welchen Situationen welche Beziehungen eingegangen werden“.

Zum Beispiel geht jemand vor einer Prüfung zum Schrein, ohne systematisch an die Existenz von Göttern zu glauben. Dennoch findet er in der Handlung des Betens vor der Unsicherheit, die nicht nur durch Anstrengung überwunden werden kann, eine Bedeutung. Jemand, der um Heilung von einer Krankheit betet, lehnt die wissenschaftliche Medizin nicht ab. Jemand, der vor einem Grab betet, glaubt nicht unbedingt klar an ein Leben nach dem Tod. Er braucht einfach die Zeit, um mit den Verstorbenen zu sprechen.

Wenn man solche Handlungen als „nicht religiös“ abtut, übersieht man das menschliche Tun, das darin steckt. Andererseits, wenn man alles von außen als „Religion“ bezeichnet, entfernt man sich von den Empfindungen der Betroffenen. Die Religiosität Japans liegt dazwischen. Sie ist Religion, Kultur, Gewohnheit, Familienerinnerung und regionale Verbindung zugleich.

Deshalb sagt diese Studie nicht einfach, dass „Japaner eigentlich religiös sind“. Vielmehr wirft sie uns die Frage zurück: „Was bedeutet es, religiös zu sein?“.

Auch die Reaktionen in sozialen Netzwerken sind deshalb interessant, weil diese Frage direkt mit dem persönlichen Empfinden verbunden ist. Man hält sich für religionslos. Aber zu Jahresende und Neujahr geht man in Tempel und Schreine. Man besucht die Gräber der Großeltern. Vor dem Kamidana oder Butsudan richtet man sich unwillkürlich auf. Man fühlt sich unwohl, wenn man einen Talisman achtlos behandelt. Bei Katastrophen oder Krankheiten hat man irgendwo das Gefühl zu beten.

Ob man das Religion nennt oder nicht.

Es gibt nicht nur eine Antwort.

In der modernen japanischen Gesellschaft existiert Religion oft nicht als „etwas, dem man angehört“, sondern als „etwas, das man durchläuft“. An Lebensübergängen, saisonalen Veränderungen, Familienerinnerungen, regionalen Festen und in Momenten von Unsicherheit und Wünschen durchläuft man religiöse Räume und Rituale. Und nach dem Durchlaufen kehrt man in den Alltag zurück. Diese Person mag sich nicht als Gläubiger bezeichnen. Dennoch wird diese Handlung in der Gesellschaft weitergegeben.

Wie man diese weiche, vage und manchmal widersprüchliche Religiosität versteht, ist der Schlüssel zum Verständnis der japanischen Gesellschaft.

Sind Japaner religionslos?

Die genaueste Antwort auf diese Frage ist wahrscheinlich: „Das kann man nicht einfach so sagen“. Viele Japaner halten Abstand zu einer bestimmten religiösen Gemeinschaft oder einem klaren Glaubensbekenntnis. Aber in ihrer Beziehung zu Schreinen, Tempeln, Ahnen, Natur, Jahreszeiten, Familie und Region führen sie Handlungen aus, die sowohl religiös als auch kulturell genannt werden können.

Sie beten, obwohl sie nicht glauben.
Sie nehmen teil, obwohl sie nicht angehören.
Sie sagen, es sei keine Religion, und doch befinden sie sich in religiösen Räumen.

Diese Unklarheit ist kein Mangel. Vielmehr ist sie ein zentrales Merkmal, das die religiöse Landschaft Japans prägt.

Die Studie zeigt, dass es feinere Worte und Maßstäbe braucht, um Religion zu messen. Die Religiosität Japans liegt nicht in der Klarheit der Dogmen oder der Stärke der Zugehörigkeit, sondern in den im Alltag verbleibenden Ritualen, Erinnerungen, Gebeten und den Verbindungen zwischen Menschen.

Es ist nichts, das mit lauter Stimme als Glaube verkündet wird. Aber es existiert sicher im Moment des Gebets im Schrein zu Neujahr, in der Zeit, in der man vor dem Grab Räucherstäbchen betrachtet, in der Nacht, in der die Trommeln des Festes durch die Stadt hallen, und in der Stille, in der man vor dem buddhistischen Altar an die Verstorbenen denkt.

Die Religiosität der Japaner könnte ein unbenannter Glaube und ein in den Alltag eingebettetes Gebet sein.



Quellen-URL

Phys.org. Basierend auf einer Forschungspräsentation der Doshisha-Universität, die die Diskrepanz zwischen religiöser Identität, Teilnahme an Ritualen und Glauben in Japan erläutert.
https://phys.org/news/2026-05-japan-complex-religious-landscape.html##HTML_TAG_115