Kreativität, Humor und Hyperfokus – Eine Studie zeigt, wie die "Stärken" von ADHS die mentale Gesundheit unterstützen

Kreativität, Humor und Hyperfokus – Eine Studie zeigt, wie die "Stärken" von ADHS die mentale Gesundheit unterstützen

1) Eine neue Perspektive auf "ADHS = Schwäche"

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) wird oft mit Problemen wie Vergesslichkeit, Impulsivität und Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit in Verbindung gebracht. In den letzten Jahren hat sich jedoch in der Gemeinschaft der Betroffenen und in Unterstützungsbereichen die Idee verbreitet, nicht nur Schwächen auszugleichen, sondern das Leben auf der Grundlage von Stärken neu zu gestalten. Die in ScienceDaily vorgestellte Studie versucht, diesen Trend nicht nur mit einem "Gefühl", sondern mit Daten zu untermauern.ScienceDaily


Das Forschungsteam (Universität Bath, King's College London, Radboud University Medical Center in den Niederlanden, etc.) führte einen großangelegten Vergleich zur Quantifizierung der "psychologischen Stärken" im Zusammenhang mit ADHS durch. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass je mehr man seine Stärken "kennt" und "nutzt", desto besser ist der körperliche und geistige Zustand. Diese Beziehung wurde unabhängig vom Vorhandensein von ADHS beobachtet.ScienceDaily



2) Inhalt der Studie: 400 Personen wurden zu "25 Stärken" befragt

Die Zielgruppe bestand aus 400 in Großbritannien lebenden Erwachsenen (200 mit ADHS-Diagnose / 200 ohne). Sie wurden über eine Online-Umfrageplattform rekrutiert, wobei darauf geachtet wurde, Personen ohne Autismusdiagnose oder Verdacht zum Zeitpunkt der Teilnahme auszuwählen, um Überschneidungen mit ASD (Autismus-Spektrum-Störung) zu vermeiden.PMC


Die Teilnehmer wurden gebeten, anzugeben, inwieweit sie 25 positive Eigenschaften, darunter Kreativität, Humor, Spontaneität als Kehrseite der Impulsivität und "Hyperfokus", als ihre eigenen Stärken empfinden. Darüber hinaus wurden das Bewusstsein für die eigenen Stärken (Strengths Knowledge Scale), die Häufigkeit der Nutzung im Alltag, das subjektive Wohlbefinden, die Lebensqualität und psychische Symptome bewertet. Die Analyse erfolgte sowohl mit herkömmlichen statistischen Methoden als auch mit Bayes'scher Statistik.25 positive Eigenschaften PMC



3) Ergebnisse: ADHS-Betroffene erkennen "10 Stärken" eher als ihre eigenen an

Die Ergebnisse konzentrieren sich auf zwei Hauptpunkte.


① Die ADHS-Gruppe neigt dazu, 10 Stärken "stärker als ihre eigenen" zu empfinden.
Beispiele hierfür sind Hyperfokus, Humor und Kreativität. Es gab jedoch nicht bei allen 25 Eigenschaften große Unterschiede; bei 14 Eigenschaften waren beide Gruppen vergleichbar. Das bedeutet, dass "ADHS-Stärken" kein universelles Label sind, sondern sich auf bestimmte Merkmale konzentrieren.PMC


② Allerdings gab es keinen Unterschied zwischen der ADHS-Gruppe und der Nicht-ADHS-Gruppe in Bezug auf das "Bewusstsein für die eigenen Stärken" oder deren Nutzung.
Anfangs wurde vermutet, dass ADHS-Betroffene ihre Stärken weniger gut erkennen und nutzen könnten, doch dies wurde nicht bestätigt.PMC



4) Die wichtigste Entdeckung: "Bewusstsein und Nutzung der Stärken" korrelieren mit der psychischen Gesundheit

Die größte Botschaft dieser Studie ist, dass unabhängig vom Vorhandensein von ADHS je mehr Menschen ihre Stärken verstehen und (zumindest teilweise) im Alltag nutzen,

  • desto höher ist das subjektive Wohlbefinden

  • desto höher ist die Lebensqualität (körperlich, psychisch, sozial, umweltbezogen)

  • desto weniger Symptome wie Depression, Angst und Stress

beobachtet wurden. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass innerhalb der ADHS-Gruppe die "Schwere der Symptome" diese Beziehung nicht aufhebt (d.h. bei schwereren Fällen nicht weniger wirksam ist).PMC


Es ist wichtig zu beachten, dass es sich hierbei hauptsächlich um eine Korrelation handelt und nicht um eine kausale Aussage wie "Die Nutzung von Stärken führt zwangsläufig zur Heilung" (die Forscher betonen auch die Notwendigkeit von Interventionsstudien als nächsten Schritt). Dennoch gibt es einen weiteren Grund, den Fokus der Unterstützung von der "Korrektur von Schwächen" auf die "Gestaltung von Stärken" zu erweitern. ScienceDaily



5) Reaktionen in den sozialen Medien: Empathie, Erfahrung und Ablehnung

Das Thema löste in den sozialen Medien sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Grob lassen sich mindestens fünf Strömungen erkennen.


Reaktion A: "Es ist einfacher zu leben, wenn man in die richtige Umgebung wechselt"

Auf Reddit/r/science sind Erfahrungsberichte zu finden, die beschreiben, wie sich die mentale Gesundheit durch einen Wechsel der Karriere oder Umgebung drastisch verändert hat. Beispielsweise fühlte sich jemand in einem Job mit langfristigen Projekten ausgelaugt, fand aber Erleichterung, als er zu einem Job mit kürzeren Zyklen wechselte.Reddit


In einem anderen Kommentar wurde geäußert, dass es in einem Arbeitsumfeld, in dem Projekte alle paar Wochen wechseln, gut lief, während in einem Umfeld, in dem Projekte über Jahre hinweg andauern, das Interesse schwindet, sobald die Neuheit nachlässt. Die Passung zwischen Stärken (schnelle Anpassungsfähigkeit, Spontaneität) und Umgebung beeinflusst die alltägliche Belastung – ein solches "Gefühl" wird geteilt.Reddit


Reaktion B: "Ist das nicht selbstverständlich?"

In den Kommentaren von New Atlas wurde auch die Reaktion geäußert: "Dass man glücklicher wird, wenn man das tut, worin man gut ist, ist doch bei jedem Menschen so, oder?" Dies ist weniger eine Ablehnung des Wertes der Forschung, sondern eher eine Kritik an der "Offensichtlichkeit".New Atlas


Diese Kritik zeigt jedoch auch die Bedeutung der Wissenschaft, das "Offensichtliche" zu messen und zu formulieren. Unterstützung und Systeme bewegen sich nicht mit "Das ist doch selbstverständlich". Erst durch Messungen und Vergleiche können Programme, Budgets und Schulungen entwickelt werden.


Reaktion C: "Unterstützung, die sich auf Stärken konzentriert, wurde im Feld erwartet"

Auf LinkedIn äußerten sich ADHS-Coaches positiv zu der Studie und betonten, dass Stärkenevaluationen wie VIA für Klienten sehr nützlich sind. Auch die Forscher bedankten sich für das Feedback. In der Praxis fühlt es sich an wie "Endlich holt die Evidenz auf".linkedin.com


Reaktion D: "Die Vorstellung, dass 'ADHS eine Superkraft ist', birgt Gefahren"

Bei diesem Thema kommt es immer wieder zu der sogenannten "Superkraft"-Debatte. Während das Sprechen über Stärken den Betroffenen helfen kann, besteht auch die Gefahr, dass die Schwierigkeiten und der Bedarf an angemessenen Anpassungen übersehen werden. Die Studie sagt nicht, dass "Stärken vorhanden sind = keine Schwierigkeiten", und tatsächlich haben ADHS-Betroffene im Durchschnitt ein niedrigeres Wohlbefinden und eine geringere Lebensqualität sowie mehr Symptome. Daher ist es realistischer, **"Stärken zu nutzen und gleichzeitig Schwierigkeiten zu berücksichtigen"**.PMC


Reaktion E: "Aber was ist mit denen, die keine Wahl haben?"

Auf Reddit wurde auch geäußert, dass nur wenige Menschen die Möglichkeit haben, ihre Karriere neu zu wählen, und dass politische, nationale oder familiäre Umstände die Berufswahl einschränken. Ein auf Stärken basierender Ansatz kann leicht in eine individuelle Anstrengung umgewandelt werden. Daher ist es wichtig, dass Arbeitgeber und Bildungseinrichtungen durch Rollenplanung, Bewertungssysteme und Arbeitsaufteilung "Raum für Stärken" schaffen.Reddit



6) Wie man diese Studie nutzen kann (um Missverständnisse zu vermeiden)

Abschließend drei Punkte, die bei der Umsetzung im Alltag zu beachten sind.

  1. Stärken sind keine festen Vermögenswerte, sondern entstehen unter bestimmten Bedingungen
    Hyperfokus kann eine Waffe sein, wird aber nicht aktiviert, wenn das Interesse fehlt. Wenn man Stärken nicht als "Charaktereigenschaft", sondern als "situationsabhängigen Schalter" betrachtet, lässt sich dies leichter gestalten.

  2. Unterstützung sollte zweistufig sein
    Erste Stufe: Minderung von Problemen (Umweltanpassung, Fähigkeiten, Behandlung)
    Zweite Stufe: Erkennen und Nutzen von Stärken (Rollenplanung, Lernmethoden, Karriere)
    Die Studie zeigt den Wert, den die zweite Stufe hat.ScienceDaily

  3. Stärken nicht aufzwingen
    Eine vereinfachte Zuordnung wie "Du bist kreativ, also solltest du einen kreativen Beruf wählen" ist gefährlich. Stärken werden erst dann zu einer Ressource, wenn sie mit dem Einverständnis der Person verbunden sind. Auch in der Studie war das "Erkennen der eigenen Stärken" der Schlüssel.PMC


Referenzartikel

Forscher entdecken, dass die Stärken von ADHS mit besserer psychischer Gesundheit verbunden sind
Quelle: https://www.sciencedaily.com/releases/2025/12/251223084852.htm