Beendet Tinder die "Swipe-Hölle" mit KI? Die neue Funktion „Chemistry“ zielt auf das Problem der „Überauswahl“ ab.

Beendet Tinder die "Swipe-Hölle" mit KI? Die neue Funktion „Chemistry“ zielt auf das Problem der „Überauswahl“ ab.

„Auch heute wieder swipen, und am Ende passiert nichts.“


Wer schon einmal eine Dating-App benutzt hat, kennt dieses Gefühl der Frustration. Man schaut sich Dutzende, wenn nicht Hunderte von Profilen an, und selbst wenn es zu einem Match kommt, bleibt das Gespräch oft stecken. Selbst wenn ein Treffen fast zustande kommt, verläuft es im Sande. Irgendwann wird das Öffnen der App selbst zur „Arbeit“, man ist erschöpft und loggt sich aus – das sogenannte „Swipe-Fatigue“ oder „Dating-App-Burnout“.


Tinder versucht nun, genau diese „Erschöpfung“ durch den Einsatz von KI zu reduzieren. Die neue Funktion „Chemistry“ ist ein Versuch, sich von der bisherigen „Kartenflut“-Strategie zu lösen und stattdessen auf „wenige gute Vorschläge“ zu setzen, die auf einem besseren Verständnis der Nutzer basieren. Es gibt zwei Hauptmechanismen: Zum einen lernt die KI durch die Beantwortung von Fragen die Werte und Vorlieben der Nutzer kennen. Zum anderen kann, sofern der Nutzer zustimmt, die Kamerarolle des Smartphones herangezogen werden, um Interessen und „Charakteristika“ abzuleiten.


Ein Richtungswechsel weg von der „unendlichen Auswahl“

Tinder hat zweifellos die Swipe-Kultur geprägt. Diese ist intuitiv, süchtig machend und lässt einen hoffen, dass der nächste Swipe ein Treffer sein könnte. Doch diese „unendliche Auswahl“ ist in Wirklichkeit eher eine Illusion. Ein Match kommt nur zustande, wenn beide Seiten sich füreinander entscheiden, und selbst dann gibt es keine Garantie, dass die Chemie oder das Timing stimmt. Dennoch vermittelt die Benutzeroberfläche das Gefühl, dass es „unendlich viele Kandidaten“ gibt. Das Ergebnis ist, dass man zwar wählen kann, sich aber nicht entscheiden kann, und obwohl man sich nicht entscheiden kann, schaut man immer weiter – dieser Widerspruch verstärkt die Erschöpfung.


Chemistry zielt darauf ab, diesen Widerspruch zu mildern. Laut der Geschäftsführung sollen Nutzer nicht mehr massenhaft swipen, sondern durch die Beantwortung von Fragen und andere Interaktionen von der KI „ein oder zwei Tropfen“ an Vorschlägen erhalten. Es geht darum, nicht die Menge zu erhöhen, sondern die Genauigkeit zu verbessern. Die Idee ist, das Matching von einem „Erkundungsspiel“ zu einer „Empfehlung“ zu machen.


Der Hintergrund sind sinkende Registrierungen, Nutzung und Einnahmen

Hinter diesem Richtungswechsel steckt nicht nur Idealismus, sondern auch die Sorge um die Geschäftszahlen. Auf dem Markt für Dating-Apps, einschließlich Tinder, häufen sich die Erschöpfung der Nutzer, das Misstrauen gegenüber böswilligen Nutzern und die Verlangsamung des Neuzugangs. Tinder gibt zu, dass die Zahl der Registrierungen und monatlich aktiven Nutzer zurückgegangen ist, sieht aber Anzeichen für Verbesserungen. Die Entscheidung, den Schwerpunkt auf KI zu legen, deutet darauf hin, dass man erkannt hat, dass die bisherigen Ansätze an ihre Grenzen stoßen.


Zudem nennt Tinder als diesjähriges Thema die Unzufriedenheit der Generation Z mit „Relevanz“, „Authentizität“ und „Vertrauen“. Anders ausgedrückt: Das bisherige Symbol für „leichte und schnelle Begegnungen“ wird von der jüngeren Generation zunehmend als „oberflächlich“, „zweifelhaft“ und „ermüdend“ empfunden. Daher möchte man das Erlebnis der Entdeckung von einem „wiederholten Prozess“ zu einer auf die persönliche Situation abgestimmten Empfehlung umgestalten.


Das Ass im Ärmel zur Wiederherstellung des Vertrauens ist nicht nur „KI“

Interessant ist, dass Tinder nicht nur die „Matching-Genauigkeit durch KI“ verbessern will, sondern auch verstärkt auf „Sicherheitsmaßnahmen“ setzt. So wird beispielsweise ein Verifizierungsmechanismus mit Gesichtserkennung (Face Check) erwähnt, der die Identität der Nutzer überprüft und den Kontakt mit böswilligen Nutzern reduziert. Das bedeutet, dass die Ursachen für das Burnout nicht nur in der „zu großen Auswahl“ gesehen werden, sondern auch in der „fehlenden Sicherheit“ und der „hohen Wahrscheinlichkeit, auf seltsame Personen zu treffen“.


Tatsächlich ist die Ursache der Erschöpfung nicht nur die „Menge“.
・Keine Antwort, obwohl es ein Match gibt
・Gespräche wirken wie aus der Schablone
・Es gibt viele Bots oder Betrüger
・Beleidigende oder unangenehme Nachrichten

Wenn sich solche Stressfaktoren häufen, wird es zu einem „Ich will die App nicht mehr öffnen“. Auch Tinders früherer Einsatz von KI als „Coach“, der vor dem Versenden aggressiver Nachrichten fragt „Möchten Sie das wirklich senden?“, steht im gleichen Kontext. KI greift nicht nur in das Matching ein, sondern auch in die Gestaltung einer „weniger konfliktanfälligen Kommunikation“.


Doch die Reaktionen in den sozialen Medien beginnen eher mit „Zweifeln“ als mit „Erwartungen“

Begrüßen die Nutzer diesen KI-Wechsel? Ein Blick auf die Reaktionen in sozialen Medien und Communities zeigt ein recht komplexes Stimmungsbild.


Auffällig ist zunächst der sarkastische Spott. In Reddit-Threads finden sich Kommentare wie „Ist Tinder nicht mittlerweile fast nur noch Bots?“ oder Witze wie „Die KI wird wohl die ‚attraktiven Bots aus der Nachbarschaft‘ finden“. Diese Reaktionen spiegeln das Misstrauen gegenüber der „Sicherheit der Umgebung“ wider, noch bevor es um Produktverbesserungen geht. Es herrscht das Gefühl: „Bevor die Empfehlungen klüger werden, stellt sicher, dass das Gegenüber ein Mensch ist.“


Auch die Unzufriedenheit über den Druck zur Zahlung und die Preise ist groß. Viele sehen darin lediglich einen Vorwand für teure Abonnements, und es gibt Beiträge, die sich über die jährlichen Kosten lustig machen, sowie Diskussionen darüber, ob der Dienst kostenlos ist oder nicht. Diese Unzufriedenheit mit dem Erlebnis ist nicht nur eine Frage der Funktionalität, sondern auch des „Geschäftsmodells“.


Der größte Diskussionspunkt ist jedoch die Privatsphäre. Auch wenn Chemistry auf Zustimmung basiert, schrecken viele allein schon bei der Erwähnung des Zugriffs auf die Kamerarolle zurück. Selbst wenn erklärt wird, dass „Hobbys aus Fotos abgeleitet werden“, bleibt bei den Nutzern die Sorge, „wie weit eingesehen wird“, „ob es für das Lernen genutzt wird“ und „ob es nach außen dringt“. In den sozialen Medien wird immer wieder die intuitive Abwehrhaltung geäußert: „Vielleicht wird die Erschöpfung reduziert, aber ist es das wert, im Gegenzug ‚Fragmente des eigenen Lebens‘ preiszugeben?“


Andererseits gibt es auch positive Stimmen. Auf LinkedIn wird die Erschöpfung als „Zeichen dafür, dass die Nutzer ‚etwas Echtes‘ suchen“ interpretiert, und es wird die Meinung geteilt, dass die Reduzierung unnötiger Entscheidungen durch KI sinnvoll ist. Die Überlegung ist, dass nicht die KI das Problem schafft, sondern das bisherige „Engagement-fokussierte“ Design das Problem ist und die KI ein Werkzeug sein kann, um dies zu korrigieren.


Marketinginvestitionen, um Tinder „cool“ zu machen – KI ist sowohl „Funktion“ als auch „Geschichte“

Interessant ist auch, dass Tinder nicht nur das Produkt, sondern auch die „Atmosphäre“ verändern will. Es wird von großen Marketinginvestitionen gesprochen, um durch kreative Maßnahmen die Geschichte zu erzählen, dass „Tinder wieder cool ist“. In diesem Kontext wird Chemistry nicht nur als neue Funktion, sondern als Symbol für die Wiederbelebung der Marke gesehen. Um den erschöpften Nutzern einen „Grund zur Rückkehr“ zu geben, braucht es nicht nur funktionale Verbesserungen, sondern auch einen sozialen Kontext, der die Nutzung als „nicht uncool“ erscheinen lässt – diese Überlegung ist erkennbar.


Kann KI wirklich das „Burnout“ heilen?

Zusammenfassend scheint Chemistry eine recht gute Lösung für das Symptom „Swipe-Fatigue“ zu sein. Die Anzahl der Vorschläge wird reduziert, der Kontext durch Fragen erfasst und die Wahrscheinlichkeit von Fehlmatches verringert. Dies ist eine natürliche Evolution vom Suchen zum Empfehlen.


Allerdings sind die Wurzeln des Burnouts tief.
・Ob das Gegenüber echt ist (Bot- und Betrügerproblem)
・Unhöfliche Nachrichten oder Belästigung
・Strukturen, die trotz Match keine Fortschritte bringen
・Misstrauen, dass das Erlebnis durch Zahlungen verzerrt wird
・Und die „tiefgreifende Zustimmung“ zur Kamerarolle
Solange diese Probleme nicht gleichzeitig gelöst werden, kann es passieren, dass „die KI klüger geworden ist, aber es trotzdem anstrengend bleibt“.


Deshalb ist diese Bewegung eher als „Neugestaltung der von Tinder selbst geschaffenen Swipe-Kultur“ zu verstehen als nur als „Einführung von KI“. Anstatt unendlich viele Optionen zu zeigen und zu ermüden, soll mit wenigen, aber präzisen Vorschlägen vorangekommen werden. Wenn das gelingt, könnte die nächste Norm für Dating-Apps nicht mehr „Swipen“, sondern „Empfehlen“ sein.


Ob die Nutzer diese Zukunft mittragen, hängt mehr von „Vertrauen“ und „einer nachvollziehbaren Zustimmungsgestaltung“ ab als von der Genauigkeit der KI.



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