Ist Narzissmus genetisch bedingt oder durch die Umwelt beeinflusst? Eine Zwillingsstudie liefert eine überraschende Antwort.

Ist Narzissmus genetisch bedingt oder durch die Umwelt beeinflusst? Eine Zwillingsstudie liefert eine überraschende Antwort.

Narzissmus ist nicht nur "die Schuld der Eltern"

Der Begriff Narzissmus hat heutzutage eine starke zeitliche Relevanz. Selbstliebe, Bedürfnis nach Anerkennung, Dominanzverhalten und mangelndes Einfühlungsvermögen gegenüber anderen. Jedes Mal, wenn wir solches Verhalten sehen, neigen wir dazu zu denken, dass es ein Problem in der Erziehung gab. Doch eine groß angelegte Studie eines deutschen Forscherteams fordert eine erhebliche Korrektur dieses allgemeinen Verständnisses. Kurz gesagt, Narzissmus tritt in Familien häufig auf, aber der Hauptgrund liegt nicht in der "geteilten familiären Umgebung", sondern in genetischen Faktoren.

Die aktuelle Studie nutzte Daten des deutschen "TwinLife"-Projekts und analysierte 6715 Personen, einschließlich Zwillinge, Geschwister, Eltern und teilweise auch Ehepartner oder Partner. Durch die Anwendung eines breiteren "erweiterten Zwillingsfamilien-Designs" im Vergleich zu herkömmlichen Zwillingsstudien konnten die Forscher die genetischen Einflüsse, die in Familien geteilte Umgebung und die individuellen Erfahrungen detaillierter untersuchen. Die Studienteilnehmer waren hauptsächlich junge Deutsche und ihre Familien, wobei mehrere Altersgruppen von 11 Jahren bis zum Erwachsenenalter einbezogen wurden.

Die Analyseergebnisse waren eindeutig. Etwa die Hälfte der individuellen Unterschiede im Narzissmus konnte durch genetische Faktoren erklärt werden, während der verbleibende große Teil durch individuelle Umwelteinflüsse erklärt wurde, die nicht zwischen Geschwistern geteilt werden. Im Gegensatz dazu war der Beitrag von in der Familie geteilten Umwelteinflüssen, wie elterlichem Erziehungsverhalten oder sozioökonomischem Hintergrund der Familie, sehr gering oder kaum nachweisbar. Das bedeutet, dass die Ähnlichkeit nicht daher rührt, dass man im selben Haus aufgewachsen ist, sondern dass man genetisch ähnlich ist.

Wichtig ist hier, dass die Studie nicht sagt, dass die Umwelt keine Rolle spielt. Vielmehr erkennt das Forscherteam den Einfluss der Umwelt deutlich an. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine gemeinsame Umgebung für die gesamte Familie, sondern um individuelle Erfahrungen. Beispielsweise könnten Freundschaften, Liebesbeziehungen, die soziale Stellung in der Schule, Bildungs- und Berufserfahrungen sowie Bewertungen am Arbeitsplatz, die außerhalb der Familie gesammelt werden, eine große Rolle bei der Entwicklung von Narzissmus spielen. Es ist eine Sichtweise, die näher an der Vorstellung liegt, dass die Persönlichkeit durch die Gesamtheit der sozialen Kontakte geformt wird, anstatt nur die Eltern als Schuldige zu betrachten.

Besonders interessant ist, dass die Studie auch eine gewisse Tendenz bei der Partnerwahl feststellte. Menschen mit ähnlichen narzisstischen Neigungen neigen dazu, Beziehungen einzugehen, was die Ähnlichkeit innerhalb der Familie weiter verstärken könnte. Dies unterscheidet sich ein wenig von der allgemeinen Vorstellung, dass sich Gegensätze anziehen. Wenn sich Menschen mit ähnlichen Eigenschaften verbinden, könnten die Merkmale innerhalb der Familie verstärkt werden, was den Eindruck erwecken könnte, dass in dieser Familie viele Menschen mit bestimmten Eigenschaften vorhanden sind.

Es ist jedoch gefährlich, diese Studie sensationell zu interpretieren. Erstens befasst sich die Studie hauptsächlich mit der "Persönlichkeitseigenschaft Narzissmus" und nicht direkt mit der klinischen Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Zweitens besteht die Möglichkeit von Verzerrungen in den Antworten, da selbstberichtete Skalen verwendet wurden. Drittens geben die Forscher selbst an, dass noch nicht bekannt ist, welche genetischen Variationen beteiligt sind, und dass diese Studie eine Korrelation zeigt, aber keinen einfachen kausalen Determinismus unterstützt.

 

Tatsächlich konzentrierten sich die Reaktionen in sozialen Medien und Foren mehr darauf, "wie die Ergebnisse interpretiert wurden" als auf die Ergebnisse selbst. Die Ankündigungen von Fachgesellschaften und verwandten Konten betonten direkt, dass "Narzissmus, der in Familien beobachtet wird, hauptsächlich genetisch bedingt ist", aber die Reaktionen darauf waren nicht einheitlich. Auf Reddit war eine nüchterne Lesart zu sehen: "Dies ist eine Studie, die die Wechselwirkung zwischen Genetik und Umwelt erneut bestätigt und nicht sagt, dass alles genetisch bedingt ist." Besonders die Bemerkung, dass die Überschrift leicht missverstanden werden kann als "genetisch bedingt", war symbolisch.

Diese Diskrepanz ist sehr zeitgemäß. In sozialen Medien verbreiten sich Überschriften mit starken Aussagen leichter. Phrasen wie "Es liegt nicht an den Eltern" oder "Es war genetisch" lassen uns glauben, dass wir die komplexen Forschungsergebnisse auf einen Blick verstanden haben. Aber der wahre Punkt liegt nicht darin. Die Studie zeigt nicht, dass es eine Geschichte ist, die die Eltern entlastet oder dass alles genetisch bestimmt ist, sondern dass wir die Entstehung der Persönlichkeit präziser betrachten müssen. Wenn der Einfluss der gemeinsamen familiären Umgebung gering ist, müssen wir die Umwelt außerhalb der Familie, wie Schule, Peer-Gruppen, Liebesbeziehungen, Marktmechanismen und Anerkennungssysteme, ernster betrachten.

Vielmehr ist die Warnung dieser Studie an die Gesellschaft, die Verantwortung nicht zu vereinfachen. Sowohl die Annahme, dass "die Eltern schuld sind", als auch die Resignation, dass "es angeboren ist und nicht geändert werden kann", sind zu oberflächlich. Auch wenn es genetische Tendenzen gibt, machen Menschen außerhalb der Familie unzählige Erfahrungen, in denen sie ihr Selbstbild verändern. Deshalb sollte diese Studie nicht als Pessimismus gelesen werden, sondern vielmehr als Forschung, die den Fokus der Intervention erweitert. Nicht nur die Familie in der Kindheit, sondern auch die späteren zwischenmenschlichen Beziehungen und die Art und Weise, wie man bewertet wird, können die Persönlichkeit stark beeinflussen.

Die Diskussion über Narzissmus wird sicherlich weitergehen. Aber zumindest hat die aktuelle Studie die lange erzählte einfache Geschichte, dass "alles an der Erziehung der Eltern liegt", stark in Frage gestellt. Und die Reaktionen in den sozialen Medien spiegeln mehr als die Entdeckung selbst wider, dass wir immer noch "einen leicht verständlichen Bösewicht" suchen. Die Forschung zeigt Komplexität, während soziale Medien zur Vereinfachung neigen. Dieses Spannungsverhältnis könnte der wahre Lesepunkt dieses Themas sein.


Quellen-URL

WELT
https://www.welt.de/wissenschaft/article69d76ce5f3d559be4f0b444f/psychologie-narzissmus-ist-ueberwiegend-genetisch-vermittelt.html

Originalstudie (in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlichter Originalartikel)
https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/19485506261429556

Offizielle Universitätsmitteilung (Zusammenfassung des Forschungsinhalts und Beschreibung der Stichprobe)
https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=15331

Referenz zu Reaktionen in sozialen Medien 1 (Bluesky-Ankündigung im Zusammenhang mit SPSP)
https://bsky.app/profile/did%3Aplc%3Azwg77gzsbpvlwpamquwofe7o

Referenz zu Reaktionen in sozialen Medien 2 (X-Post im Zusammenhang mit SPSP)
https://x.com/SPSPnews/status/2036814170142789735

Referenz zu Reaktionen in sozialen Medien 3 (Diskussion auf Reddit, r/NPD)
https://www.reddit.com/r/NPD/comments/1smhf4q/study_narcissism_runs_in_families_due_to_genetics/

Referenz zu Reaktionen in sozialen Medien 4 (Diskussion auf Reddit, r/HotScienceNews)
https://www.reddit.com/r/HotScienceNews/comments/1se0suj/massive_twin_study_proves_narcissism_is_deeply/