Das "andere Leid", das nach Katastrophen und Kriegen kommt – Warum das Schuldgefühl nicht verschwindet: Ein neuer Blickwinkel zum Schutz der psychischen Gesundheit

Das "andere Leid", das nach Katastrophen und Kriegen kommt – Warum das Schuldgefühl nicht verschwindet: Ein neuer Blickwinkel zum Schutz der psychischen Gesundheit

 1) Wenn das "Überleben" zu einem seelischen Trauma wird

Nach einer Katastrophe, einem Krieg, einem Unfall oder einer Gewalttat neigen die Menschen dazu zu sagen: "Es ist gut, dass du gerettet wurdest" oder "Jetzt ist alles in Ordnung". Doch unter den Betroffenen gibt es Menschen, bei denen sich ein unerklärliches Gewicht in der Brust absetzt, noch bevor sie Erleichterung empfinden.


"Nur ich habe überlebt", "Vielleicht hätte ich an ihrer Stelle sterben sollen", "Ich wurde gerettet, aber ich kann nichts zurückgeben". Dieses "Schuldgefühl" unterscheidet sich ein wenig von moralischer Reflexion. Es ist ein Gefühl, das nicht nur durch die Einordnung von Gut und Böse erklärt werden kann, sondern das die eigene Existenz anklagt.


In einem Interview mit WELT betont Andreas Maercker, ein führender Experte in der Traumaforschung, genau diesen Punkt. Schuldgefühle können eng mit Depressionen verbunden sein. Es geht also nicht nur um "ein belastendes Ereignis", sondern auch um den "mentalen Kreislauf, der einen selbst danach weiterhin verurteilt", was die Depression vertiefen kann.


2) Schuldgefühle können sowohl eine "normale Reaktion" als auch ein "gefährlicher Sumpf" sein

Schuldgefühle haben eine soziale Funktion. Wenn man das Gefühl hat, jemanden verletzt zu haben, denkt man über Wiedergutmachung nach und versucht, die Beziehung zu reparieren. Im Kontext von Traumata neigen Schuldgefühle jedoch dazu, über den tatsächlichen Verantwortungsbereich hinaus zu wachsen.


"Ich saß zufällig woanders", "Ich ging an diesem Tag aus", "Ich hatte Glück" – obwohl das Leben und der Tod durch eine Reihe von Zufällen entschieden wurden, fällt es dem Herzen schwer, Zufälle zu akzeptieren. Es sehnt sich nach Bedeutung und Kausalität. Deshalb versucht man, die Welt zu verstehen, indem man sie "auf sich selbst schiebt". Wenn man sich selbst die Schuld gibt, fühlt sich die Welt immer noch "logisch" an.


Dieser Mechanismus mag auf den ersten Blick grausam erscheinen, ist aber auch sehr menschlich. Das Problem entsteht, wenn dieses Selbstgericht nicht endet. Übermäßige Schuldgefühle beeinträchtigen Schlaf, Appetit und Konzentration, verbinden sich mit Gefühlen der Ohnmacht und verstärken die Symptome einer Depression. Darüber hinaus führt das doppelte Selbstvorwürfe, wie "Es ist seltsam, dass ich unter so etwas leide", dazu, dass der Weg zur Genesung blockiert wird.


3) "Zweifle nicht an deinen Erfahrungen" – die Voraussetzung für die Genesung

Bemerkenswert im Interview ist die Haltung, die Erzählungen der Betroffenen nicht zu unterschätzen. Die Auswirkungen eines Traumas sind von außen schwer zu erkennen. Gerade deshalb, wenn es als "nicht so schlimm" oder "übertrieben" abgetan wird, isolieren sich die Betroffenen noch mehr und verstärken ihre Schuldgefühle innerlich.


Der erste Schritt zur Unterstützung besteht nicht darin, die "objektive Größe" des Ereignisses zu messen, sondern einen sicheren Raum zu schaffen, in dem die Person in Worte fassen kann, "was sie belastet". Genesung bedeutet nicht, das Ereignis zu vergessen, sondern in einen Zustand zurückzukehren, in dem man es ohne Überwältigung neu erzählen kann.


Es ist auch wichtig, Resilienz nicht als "Talent starker Menschen" misszuverstehen. Resilienz hängt nicht von der individuellen Willenskraft ab, sondern wird stark von Umweltbedingungen wie Unterstützung durch das Umfeld, Stabilität im Leben, Zugang zu medizinischer Versorgung und der Art und Weise, wie die Gemeinschaft damit umgeht, beeinflusst.


4) Warum heißt es, dass es in armen Ländern weniger PTBS gibt?

Der WELT-Artikel spricht auch den Punkt an, dass es in armen Ländern weniger PTBS geben soll. Hier entstehen leicht Missverständnisse.


Wenn man vorschnell zu dem Schluss kommt, dass "Armut stärker macht" oder "entwickelte Länder zu weich sind", wird der Bedarf an Unterstützung unsichtbar. Tatsächlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle, wie die Art der Diagnose, das Verhalten bei der Inanspruchnahme von Behandlungen, kulturelle Unterschiede in der Ausdrucksweise von Symptomen, die Art der Erhebung von Forschungsdaten und das Vorhandensein sozialer Sicherheitsnetze.


Wenn zum Beispiel der Zugang zu medizinischer und psychologischer Unterstützung begrenzt ist, ist es von vornherein schwierig, eine Diagnose zu erhalten. Wenn Symptome als körperliche Beschwerden beschrieben oder mit religiösem oder gemeinschaftlichem Vokabular geordnet werden, passen sie möglicherweise nicht in den Rahmen von "PTBS". Umgekehrt bedeutet eine geringe Zahl nicht unbedingt, dass es weniger leidende Menschen gibt.


Dieser Punkt steht in direktem Zusammenhang mit der realen Frage, ob es Leitungen gibt, die zu Unterstützung führen, und nicht mit Statistiken oder Diagnosen.


5) Reaktionen in den sozialen Medien: Empathie und Vorsicht breiten sich gleichzeitig aus

 

Das Thema polarisiert leicht die Reaktionen in den sozialen Medien. Vor allem folgende Stimmen sind auffällig.


(1) Starke Empathie von Betroffenen und Unterstützern
Reaktionen wie "Ich wurde durch das Wort 'Überlebensschuld' gerettet" oder "Meine Gefühle haben einen Namen bekommen und sind dadurch etwas leichter geworden". Besonders in einem breiten Kontext, nicht nur bei Katastrophen und Unfällen, sondern auch bei häuslicher Gewalt, Mobbing, Pflege, Belästigung am Arbeitsplatz usw., gibt es Beiträge, die das Gefühl des "ständigen Selbstvorwurfs" widerspiegeln.


Auch die Haltung "Zweifle nicht an deinen Erfahrungen" wird von der Unterstützerseite oft mit der Zustimmung "Zuerst zu glauben ist die Grundlage vor der Behandlung" begrüßt.


(2) Unbehagen über die Verwendung des Begriffs "Resilienz"
Andererseits gibt es auch die Warnung: "Bitte macht Resilienz nicht zu einer Frage des Einsatzes" oder "Das 'Werde stärker' ist ein sekundärer Schaden". In sozialen Medien neigen kurze Worte dazu, ein Eigenleben zu führen. Je mehr Menschen die Erfahrung gemacht haben, dass das Konzept der Resilienz als Peitsche der Eigenverantwortung genutzt wurde, desto stärker ist der Widerstand.


(3) Widerspruch und Ergänzungen zu "In armen Ländern gibt es weniger PTBS"
Dieser Teil ist besonders diskussionsanfällig.


Kritik wie "Vielleicht wird es nur nicht diagnostiziert?", "Es sind nur andere Worte, aber das Leiden ist dasselbe" und "Verharmlost nicht die Realität, dass Unterstützung nicht erreicht werden kann, mit 'weniger'" ist häufig, während aus der Forschungsperspektive auch Ergänzungen wie "Kulturelle und gemeinschaftliche Unterstützung kann zur Genesung beitragen" gemacht werden.


Das heißt, der Ausdruck "weniger" ist sensibel und kann missverstanden werden, wenn der Kontext nicht sorgfältig erklärt wird.


(4) Müdigkeit über den "Vergleich von Leiden"
Viele sind es leid, die Atmosphäre von "Es gibt Menschen, denen es schlechter geht, also ist es Schwäche, zu leiden". Diskussionen über Traumata führen dazu, dass Betroffene schweigen, sobald eine Rangordnung des Leidens erstellt wird. Die Reaktionen in den sozialen Medien sind in diesem Punkt sensibel.


6) Was wir tun können, um mit "Schuldgefühlen" umzugehen

Hier möchten wir praktische Tipps basierend auf den im Artikel angesprochenen Punkten zusammenfassen (nicht als Ersatz für medizinische Maßnahmen, sondern als Unterstützung im Alltag).

  • Gemeinsam prüfen, "Ist das wirklich deine Schuld?"
    Nicht bestimmen, sondern prüfen. Die Arbeit, den Verantwortungsbereich auf eine realistische Größe zurückzuführen, ist alleine schwierig.

  • Keine überstürzte Sinngebung
    "Diese Erfahrung hat eine Bedeutung" kann in der späteren Phase der Genesung Kraft geben, aber wenn es zu früh gesagt wird, kann es ein Messer sein.

  • Nicht "zur Normalität zurückkehren", sondern "sicher leben können" als Ziel
    Schlafen können, essen können, rausgehen können, reden können. Je mehr kleine Sicherheiten vorhanden sind, desto schwächer wird die Verstärkung der Schuldgefühle.

  • Die Entscheidung, sich an Fachleute zu wenden, nicht als Schande empfinden
    Wenn das Leiden anhält, das Leben zusammenbricht oder Suizidgedanken auftreten, ist es keine Niederlage, sich mit medizinischer oder professioneller Unterstützung zu verbinden.


Und vor allem ist das "Überleben" kein Beweis dafür, dass man jemanden verraten hat. Überlebensschuld kann als Kehrseite von "Freundlichkeit" oder "Verantwortungsbewusstsein" auftreten. Gerade deshalb hat es einen Wert, sich direkt damit auseinanderzusetzen.


Es geht nicht darum, Schuldgefühle zu beseitigen, sondern sie in eine Form zu verwandeln, die nicht von ihnen beherrscht wird. Maerckers Diskussion versucht, diesen Weg in realen Worten aufzuzeigen.



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