Berufe verschwinden nicht, sondern "Aufgaben": Wie agentenbasierte KI die Arbeitsweise verändert

Berufe verschwinden nicht, sondern "Aufgaben": Wie agentenbasierte KI die Arbeitsweise verändert

1) Warum die Antwort auf die Frage "Wird KI Arbeitsplätze übernehmen?" geteilt ist

Mit der Verbreitung von generativer KI begegnen wir fast wöchentlich gegensätzlichen Schlagzeilen wie "KI zerstört Arbeitsplätze" und "KI steigert die Produktivität". Der Grund für diese Verwirrung ist einfach: Die Geschwindigkeit, mit der die "Fähigkeiten" der KI wachsen, stimmt nicht mit der Geschwindigkeit überein, mit der die Gesellschaft diese Veränderungen aufnimmt. Daher neigt die Diskussion dazu, sich auf ein Pro- oder Contra-Szenario zu konzentrieren.


Interessant an dem von dem Weltwirtschaftsforum (WEF) veröffentlichten Weißbuch ist, dass es nicht die Zukunft vorhersagt, sondern eine Karte präsentiert, die zeigt, welche Annahmen fallen müssen, damit sich welche Zukunft entfaltet. Ob die Entwicklung der KI schnell oder langsam verläuft, ob die Vorbereitung von Personal und Institutionen stark oder schwach ist – diese Kombinationen führen zu vier Szenarien für die Arbeitswelt im Jahr 2030.

2) Vier Szenarien: Auch bei gleicher KI ändern sich die "Ergebnisse"

Die vier Zukunftsszenarien im Weißbuch lassen sich grob als Multiplikation von "technologischem Fortschritt" und "menschlicher Vorbereitung" beschreiben. Wichtig ist hier, dass es weniger wahrscheinlich ist, dass ein Szenario die Welt dominiert, sondern dass sie je nach Industrie, Region und Unternehmen "gemischt" auftreten können. Das bedeutet, dass Ihr Arbeitsplatz in einer "Co-Pilot-Wirtschaft" sein kann, während die benachbarte Branche in einem "Zeitalter der Ersetzung" steckt.


Szenario A: Supercharged Progress (Überbeschleunigter Fortschritt)

Eine Welt, in der die KI schnell fortschreitet und sich der Arbeitsmarkt relativ gut anpasst. Unternehmen gestalten ihre Abläufe mit Hilfe von "Agenten-KI" neu und steigern so Produktivität und Innovation. Neue Berufe entstehen, aber bestehende Arbeitsplätze veralten schnell. Das größte Risiko besteht darin, dass der Wandel zu schnell erfolgt und soziale Sicherungssysteme sowie Ethik und Governance nicht mithalten können. Es wird immer eine Gruppe geben, die zurückgelassen wird.


Szenario B: The Age of Displacement (Das Zeitalter der Ersetzung)

Die KI-Entwicklung beschleunigt sich, aber Bildung, Umschulung und Institutionen können nicht mithalten. Unternehmen neigen dazu, aufgrund von Fachkräftemangel und Kostendruck eher auf Automatisierung als auf Ausbildung zu setzen. Dies führt zu mehr Arbeitslosigkeit und unsicherer Beschäftigung, was die gesellschaftliche Spaltung vertieft. Je mehr Agenten-KI wichtige Prozesse übernimmt, desto mehr verstärken sich neue Risiken wie Aufsichtsmängel, Unfälle, Betrug und kognitive Manipulation.


Szenario C: Co-Pilot Economy (Co-Pilot-Wirtschaft)

Die KI-Entwicklung verläuft relativ schrittweise und die Fähigkeit, KI zu nutzen, ist weit verbreitet. Anstelle einer umfassenden Automatisierung steht die "aufgabenspezifische Implementierung" im Vordergrund, die an die Herausforderungen vor Ort angepasst ist. Teams aus Menschen und KI gestalten Wertschöpfungsketten neu, wobei der Anteil der "Veränderung des Inhalts" höher ist als der des "Verschwindens" von Arbeit. Es gibt zwar Schmerzen durch Jobwechsel und Versetzungen, aber KI wird eher als Chance denn als Bedrohung gesehen.


Szenario D: Stalled Progress (Stagnierender Fortschritt)

Die Entwicklung und Einführung von KI schreitet "langsam" voran, während die Vorbereitung der Arbeitskräfte schwach ist. Unter dem Druck kurzfristiger Gewinne neigen Unternehmen dazu, konservativ nur teilweise zu implementieren, was nicht zu einer umfassenden Transformation der Gesellschaft führt. Das Produktivitätswachstum ist ungleichmäßig, und der Nutzen konzentriert sich auf KI-starke Unternehmen und Regionen. Dies führt zu einer Verfestigung der Ungleichheit und zu einer Enttäuschung darüber, dass die Erwartungen nicht erfüllt werden.

3) Die zentrale Unsicherheit in Zahlen: Gewinne sind sichtbar, Löhne weniger

Im Mittelpunkt der durch das Weißbuch ausgelösten Debatte steht nicht nur die Frage, ob Arbeitsplätze abgebaut oder geschaffen werden. Viel tiefgreifender ist die Frage, wie die Früchte der Produktivität verteilt werden.


In einer in den Medien zitierten Umfrage glaubt die Mehrheit der Führungskräfte, dass KI bestehende Arbeitsplätze ersetzen wird. Der Anteil, der glaubt, dass neue Arbeitsplätze entstehen werden, ist jedoch geringer. Zudem ist die Erwartung einer Verbesserung der Gewinnmargen relativ hoch, während die Erwartung eines Lohnanstiegs deutlich geringer ist – ein Muster, das sich zeigt.


Hier liegt der Punkt, an dem die Unsicherheit in sozialen Medien leicht explodiert. Die Menschen haben weniger Angst vor der KI selbst als vor einer Zukunft, in der die Gewinne steigen, aber ihr eigener Anteil nicht.

4) Reaktionen in sozialen Medien: Begrüßung und Zweifel sind "gleichzeitig richtig"

Als das Thema in den sozialen Medien verbreitet wurde, teilten sich die Reaktionen grob in vier Kategorien (basierend auf öffentlich zugänglichen Beiträgen).


Reaktion ①: "Nützlich als Rahmenwerk"

Auf LinkedIn fallen Beiträge auf, die die vier Szenarien als 2x2-Karte betrachten, die als Grundlage für Diskussionen über den aktuellen Stand des eigenen Unternehmens dient. Da die Zukunft nicht vorhergesagt wird, ist es als "gemeinsame Sprache" in Management-Meetings und Personalstrategien nützlich.


Reaktion ②: "Letztendlich entscheidet die Investition in Personal"

Ebenfalls auf LinkedIn gibt es viele Beiträge, die neben KI-Kompetenz auch menschliche Stärken wie Lernagilität, kritisches Denken, Entscheidungsfindung und Kommunikation in den Vordergrund stellen. "Es ist weniger ein technologischer Wettbewerb als ein Anpassungswettbewerb", lautet die Umdeutung.


Reaktion ③: "Solange die Löhne nicht steigen, bleibt die Unsicherheit bestehen"

Die schärfste Reaktion ist der Zweifel an der Diskrepanz zwischen der Verbesserung der Gewinnmargen und dem Lohnanstieg. Die Erinnerung an frühere Automatisierungs- und IT-Wellen, bei denen die Verteilung scheiterte, wird wachgerufen. Die Einführung von KI wird oft als "Effizienzgeschichte" erzählt, während die Menschen sie als "Geschichte der Verteilung" wahrnehmen. Solange diese beiden Perspektiven nicht übereinstimmen, ist ein gesellschaftlicher Konsens schwer zu erreichen.


Reaktion ④: "Es lässt sich ohnehin nicht aufhalten. Also sollten wir vorbereitet sein"

In Foren wie Hacker News gibt es Diskussionen, die von der Annahme ausgehen, dass die Ersetzung von Arbeitsplätzen unvermeidlich ist, und die die Notwendigkeit von sozialer Sicherheit und anderen Mechanismen betonen. Diese Diskussionen sind zwar pessimistisch, enthalten aber die Botschaft, dass eine Gestaltung erforderlich ist, um die Situation beherrschbar zu machen.

5) Es sind nicht "Berufe", sondern "Aufgaben", die neu gestaltet werden: Eine realistische persönliche Perspektive

Es ist leicht, die Auswirkungen von KI zu verfehlen, wenn man sie als "Berufe verschwinden/bleiben" beschreibt. Tatsächlich geht es um die Zerlegung und Neukombination von Aufgaben.
Zum Beispiel kann der Vertrieb in Aufgaben wie die Recherche von potenziellen Kunden, die Erstellung von Vorschlägen, Protokollen, Angeboten und Nachverfolgung unterteilt werden. Während KI gut in der Informationsbeschaffung, Textgenerierung und Organisation ist und diese Aufgaben leicht ersetzen kann, bleiben der Vertrauensaufbau, die Situationsbeurteilung, Verhandlungen und die Übernahme von Verantwortung eher beim Menschen. Auch im Backoffice ist es ähnlich: Eingabe, Abgleich und Klassifizierung lassen sich leicht automatisieren, während die Bedeutung von Ausnahmebehandlungen, Prüfungsantworten und interorganisatorischen Abstimmungen relativ zunimmt.


Deshalb ist es wichtig, vor der Frage "Weniger Menschen?" zu klären,

  • welche Aufgaben der KI überlassen werden

  • welche Aufgaben weiterhin von Menschen übernommen werden

  • und wie der Wert der verbleibenden Aufgaben gesteigert werden kann.
    Das ist die Gestaltung, die notwendig ist.

6) "No-Regret"-Maßnahmen für jede Zukunft: Schritte, die man nicht bereuen wird

Das WEF betont, dass es nicht darum geht, die Zukunft vorherzusagen, sondern sich so vorzubereiten, dass man in keinem der Szenarien verliert. In der Praxis bedeutet dies Folgendes:


Was Unternehmen tun sollten (Mindestanforderungen)

  • Klein anfangen und Modelle für Wirkungsmessung und Risikomanagement entwickeln (nicht bei PoC stehenbleiben)

  • Personalstrategie und Technologie-Strategie verbinden (Einführungs- und Entwicklungspläne nicht trennen)

  • Daten, Befugnisse, Protokolle und Aufsichtspflichten klären, um die Voraussetzungen für den Einsatz von Agenten-KI zu schaffen


Was Einzelpersonen tun sollten (kürzester Weg)

  • Die eigene Arbeit in Aufgaben zerlegen und zuerst die Teile durch KI ersetzen, um Zeit zu schaffen

  • Die gewonnene Zeit nutzen, um "Entscheidungen", "Gestaltung", "Beziehungen" und "Verantwortung" zu erhöhen (Wert steigern)

  • Den "Prozess bis zum Ergebnis" in Worte fassen und anderen erklären können (Mobilität erhöhen)

7) Fazit: Nicht die KI entscheidet über die Zukunft, sondern Vorbereitung und Verteilung

Die vier Szenarien sind keine Vorhersagen, die Angst schüren sollen. Vielmehr sind sie Werkzeuge, um zu zeigen, dass die Ergebnisse durch "Unterschiede in der Vorbereitung", "Verteilungsdesign" und "Governance" beeinflusst werden können.

Das Jahr 2030 scheint weit entfernt, ist aber nah. Je mehr die Fähigkeiten der KI wachsen, desto mehr verlagert sich die Frage von der Technik zur Gesellschaft. Wem gehören die Gewinne? Wer trägt die Kosten für das lebenslange Lernen? Wer ist verantwortlich für die Einführung?

Der Wettlauf zwischen "Ersetzung oder Erweiterung" hat bereits begonnen. Deshalb ist es jetzt wichtig, weder Angst vor KI zu haben noch blind an sie zu glauben. "Arbeit durch Aufgaben neu gestalten", "in Personal investieren" und "die Verteilung der Früchte in Worte fassen" – diese unscheinbaren Vorbereitungen werden die Zukunft am stärksten verändern.



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