Leben Libellen in einer "Zeitlupe-Welt"? Ihr Bildschirm ist für eine Fliege wie ein Stroboskop in einem Club – die Dichte von "einer Sekunde" variiert je nach Lebewesen.

Leben Libellen in einer "Zeitlupe-Welt"? Ihr Bildschirm ist für eine Fliege wie ein Stroboskop in einem Club – die Dichte von "einer Sekunde" variiert je nach Lebewesen.

1. „Die gleiche Sekunde“, aber unterschiedliche Dichte

Die Bildschirme unserer Smartphones und PCs wechseln das Licht in sehr schnellen Zyklen. Dennoch nehmen Menschen kaum ein Flackern wahr. Wenn jedoch eine Fruchtfliege auf diesen Bildschirm schauen würde, könnte es für sie wie ein Club mit einem starken Stroboskoplicht erscheinen. Ein solcher Vergleich zeigt eindrucksvoll die Unterschiede in der „Wahrnehmung der Zeit“ bei Tieren.


Diese Unterschiede entstehen durch die Fähigkeit des Sehens, „wie fein es die Zeit unterteilen und Informationen aufnehmen kann“. Ein schnell bewegendes Objekt mag für uns verschwommen erscheinen, während es für ein anderes Tier wie eine Serie von Standbildern aussieht. Umgekehrt kann für langsamere oder an dunkle Umgebungen angepasste Tiere die von uns normal wahrgenommene Bewegung zu schnell sein, sodass die Welt für sie verschwommen erscheint.


2. Forschung misst die „Zeitauflösung“ – Was ist CFF (kritische Flimmerfusionsfrequenz)?

Ein häufig verwendeter Indikator in diesem Thema ist die „kritische Flimmerfusionsfrequenz (CFF: Critical Flicker Fusion rate)“. Wenn die Geschwindigkeit des flackernden Lichts allmählich erhöht wird, gibt es einen Punkt, an dem es nicht mehr als Flackern, sondern als kontinuierliches Licht wahrgenommen wird – das ist die CFF. Je höher dieser Punkt ist, desto besser kann man kurze Zeitintervalle unterscheiden, was auf eine hohe Zeitauflösung hinweist.


Die in diesem Artikel vorgestellte Analyse sammelte bestehende Daten von einer Vielzahl von Tierarten, um in großem Maßstab zu untersuchen, was die visuelle Zeitauflösung beeinflusst. Die Zusammenfassung eines in Nature Ecology & Evolution veröffentlichten Papiers beschreibt, dass eine vergleichende Methode unter Berücksichtigung der Phylogenie (evolutionäre Nähe) für 237 Arten verwendet wurde, um die Beziehung zwischen dem Tempo der Ökologie und der Wahrnehmung zu testen.


3. Arten, die „schnell leben“, sehen die Welt detaillierter

Zusammengefasst lautet das Fazit: „Die Zeitauflösung ist nicht zufällig, sondern stark mit der Geschwindigkeit des Lebens verbunden.“


Der Artikel nennt als Beispiel, dass die CFF beim Menschen etwa 65 Hz beträgt (bis zu 65 Flackern pro Sekunde unterscheidbar), während sie bei einigen Vögeln über 100 Hz und bei Insekten (wie Tsetsefliegen oder Libellen) bis zu 300 Hz erreichen kann. Hunde haben eine höhere CFF als Menschen, während Tiefseefische, Seesterne und große Schnecken extrem niedrige Werte aufweisen.


Warum entstehen solche Unterschiede? Der Schlüsselgedanke ist, dass „eine hohe Zeitauflösung ‚hohe Kosten‘ verursacht und sich nur für Arten lohnt, die ein schnelles Leben führen“ (wie im Artikel als Autrums Hypothese erwähnt). Fliegen, jagen, scharf wenden, blitzschnelle Entscheidungen, die über Leben und Tod entscheiden – in solchen Lebensweisen ist die Information von minimalen Zeitunterschieden wertvoll. Die Zusammenfassung des Papiers zeigt auch die Verbindung zwischen Flugfähigkeit oder Verfolgungsjagd (pursuit predation) und hoher Zeitauflösung.


4. Im Meer ist die Tendenz „je kleiner, desto schneller“ stärker ausgeprägt

Ein weiteres interessantes Thema ist der Einfluss von Umwelt und Körpergröße. Der Artikel beschreibt, dass in der Unterwasserumgebung kleinere Arten tendenziell eine schnellere visuelle Wahrnehmung haben. Kleine, agile Fische haben eine relativ hohe Zeitauflösung, während große Arten wie riesige Meeresschildkröten eine niedrigere aufweisen.


Warum diese Beziehung im Wasser stärker ist, ist nicht vollständig geklärt, aber es wird vermutet, dass „Wasser Bewegungen schneller ändern kann (Beschleunigung oder Richtungswechsel können kontinuierlich auftreten)“. Das bedeutet, dass die „Qualität der Bewegung, die die Umwelt erlaubt“, auch das Tempo der Wahrnehmung beeinflussen könnte.


5. In dunklen Welten wird „Photonen“ der Vorrang vor der Zeit gegeben

Allerdings ist es nicht immer von Vorteil, schneller zu sehen. In dunklen Umgebungen neigt die Zeitauflösung dazu, zu sinken. Der Grund ist einfach: In der Dunkelheit ist es am wichtigsten, „einen Moment des Lichts“ nicht zu verpassen. Es ist vergleichbar mit einer Kamera, bei der die Verschlusszeit verlangsamt wird, um mehr Licht einzufangen. Wenn die Reaktion der Sehzellen „verlangsamt“ wird, kann schwaches Licht akkumuliert werden, aber Bewegungen neigen dazu, verschwommen zu sein. Der Artikel nennt Tiefsee-Isopoden und nachtaktive Geckos als Beispiele und betont diesen Kompromiss.


6. Wenn man sich die „Wahrnehmung einer Sekunde“ vorstellt, kehrt sich die Weltanschauung um

Ab hier geht es um die „Vorstellungsgrundlage“, die die Wissenschaft bietet. Wie der berühmte Aufsatz des Philosophen Thomas Nagel „Wie es ist, eine Fledermaus zu sein“ zeigt, können wir das subjektive Erleben anderer Arten nicht direkt verstehen. Aber indem wir die Leistungsgrenzen messen (wie viel sie unterscheiden können), können wir abschätzen, „wie detailliert die Welt für diese Art aktualisiert wird“.


Zum Beispiel ist eine „Sekunde“ für Menschen gerade lang genug, um schnelle Ereignisse knapp zu verfolgen. Ein fallendes Glas, ein vorbeifahrendes Auto, aufeinanderfolgende Blitze – die meisten dieser Ereignisse hinterlassen keine detaillierten Eindrücke. Aber für Tiere wie Libellen, die eine extrem hohe Zeitauflösung haben, könnte die gleiche Sekunde einem aus mehr „Frames“ bestehenden Film ähneln. Situationen, in denen wir denken, dass Libellen extrem schnelle Reflexe haben, könnten für sie so erscheinen, als würde die Welt „langsamer abgespielt“.


7. Reaktionen in den sozialen Medien: „Bullet Time“ und das „Display-Problem“

 

Dieses Thema sorgt auch in den sozialen Medien für typische Begeisterung. Besonders häufig ist der Vergleich „kleinere Tiere empfinden die Zeit langsamer = Bullet Time (wie im Film ‚Matrix‘)“. In biologischen Threads auf Reddit gibt es Beiträge, die versuchen, die schnelle Reaktion von Insekten damit zu erklären, dass sie „die Zeit langsamer erleben“, und die Diskussion in den Kommentaren entwickelt sich oft zu der Frage, wie viele „Frames“ sie sehen.


Ein weiteres modernes Thema ist die Frage, ob „für Menschen gemachte Videos und Beleuchtung für Tiere unnatürlich erscheinen“. Beispielsweise kann ein Video mit niedriger Bildrate in Tierverhaltensstudien für Tiere „ruckartig und anders“ wirken. Diese Problematik wird auch in der Forschung berücksichtigt, und es gibt Studien, die untersuchen, wie die Qualität der Bilddarstellung das Verhalten beeinflussen kann.


In den sozialen Medien führen diese Diskussionen oft zu weiteren Fragen wie „Wie sehen Vögel und Hunde Fernsehen?“, „Verursacht das Flackern von LED-Beleuchtung Stress bei Insekten?“ oder „Kann es ein Hinweis für die Gestaltung der Lebensumgebung von Haustieren sein?“. Auch wenn es noch viele ungeklärte Punkte gibt, bietet allein das Verständnis, dass „das Tempo der Wahrnehmung ein Kompromiss mit der Ökologie ist“, einen Ansatzpunkt, um die künstliche Beleuchtung und die visuelle Umgebung um uns herum zu überdenken.


8. Der praktische Einfluss dieser Forschung

Dieses Thema endet nicht nur mit Romantik. Es gibt mehrere praktische Implikationen.

  • Tierwohl und Haltungsbedingungen: Das „Flackern“ von Beleuchtung und Displays kann für Tiere reizvoll sein, auch wenn es für Menschen harmlos ist.

  • Ökologie- und Verhaltensforschung: Wenn die Gestaltung von Videostimuli, Kameraaufnahmen und Beleuchtungsbedingungen nicht an die „Zeitauflösung der Zielart“ angepasst wird, besteht das Risiko einer verzerrten Interpretation.

  • Naturschutz und Umweltprobleme: Bei Diskussionen über die Auswirkungen künstlichen Lichts auf Ökosysteme (Lichtverschmutzung) können nicht nur die „Lichtstärke“, sondern auch „zeitliche Schwankungen“ wichtig sein.


Natürlich ist CFF nur ein Indikator für die Zeitauflösung des Sehens und repräsentiert nicht das gesamte Wahrnehmungserlebnis. Dennoch ist die Bestätigung der Tendenz, dass „je schneller das Leben, desto schneller die Wahrnehmung“ bei 237 Arten von großer Bedeutung. Auch wenn die Welt eine ist, unterscheidet sich die „Aktualisierungsfrequenz der Welt“ je nach Art – dieser Gedanke erschüttert leise unsere Selbstverständlichkeiten.



Quellen