Wohin geht die Menschlichkeit im Zeitalter der KI? – Cao Fei erschafft eine "nahe Zukunftsstadt" in Basel

Wohin geht die Menschlichkeit im Zeitalter der KI? – Cao Fei erschafft eine "nahe Zukunftsstadt" in Basel

Im Kunstmuseum Basel | Gegenwart in Basel, Schweiz, ist derzeit eine "nahe Zukunftsstadt" entstanden.

Dort gibt es Dinge, die man in einem normalen Museum kaum sieht: eine Skate-Rampe, die von lokalen Graffiti-Künstlern mit Schriftzügen und Bildern besprüht wurde, eine fabrikähnliche Umgebung, Fragmente einer Stadt, eine digitale Welt, die an das Metaversum erinnert, ein riesiges Bällebad. Videos, virtuelle Realität und Installationen überlagern sich, und die Besucher gehen eher durch die Werke, als sie nur zu betrachten.

Diese Stadt wurde von der zeitgenössischen chinesischen Künstlerin Cao Fei geschaffen. Sie wurde 1978 in Guangzhou geboren und hat in ihren Arbeiten, die Film, Fotografie, VR, digitale Medien und Installationen umfassen, die raschen Veränderungen in China sowie die Träume und Einsamkeit der dort lebenden Menschen dargestellt. Die derzeit in Basel laufende Ausstellung "Cao Fei. Testimonies to the Near Future" ist eine groß angelegte Retrospektive ihrer fast 30-jährigen Karriere. Die Ausstellung läuft vom 30. Mai bis zum 11. Oktober 2026 und findet in der Abteilung für zeitgenössische Kunst des Kunstmuseums Basel statt, die in einem ehemaligen Papierfabrikgebäude untergebracht ist. Für diese Ausstellung wurden alle vier Etagen in die Welt von Cao Fei verwandelt.

Was diese Ausstellung interessant macht, ist, dass sie nicht nur eine Retrospektive ist. Anstatt einfach nur frühere Meisterwerke zu präsentieren, ist die gesamte Ausstellung wie eine Stadt aufgebaut: Straßen, Fabriken, Kinos, virtuelle Räume, Spielplätze. Realität und Fantasie, Arbeit und Freizeit, Körper und Avatar vermischen sich. Die Betrachter betreten nicht einfach die früheren Werke in chronologischer Reihenfolge, sondern tauchen in das "moderne Gesellschaftsbild" ein, das Cao Fei über Jahre hinweg beobachtet hat.

Guangzhou, wo Cao Fei aufwuchs, ist eine riesige Stadt im Süden Chinas und das Zentrum einer Region, die oft als "Fabrik der Welt" bezeichnet wird. Ihre Generation hat die Reform- und Öffnungspolitik Chinas, die Industrialisierung, Urbanisierung, die Verbreitung des Internets, die Smartphone-Gesellschaft und den Übergang ins KI-Zeitalter fast gleichzeitig erlebt. Daher ist die Zukunft, die in Cao Feis Werken erscheint, keine ferne Fantasie, sondern eine Zukunft, die bereits in unser Leben eingedrungen ist.

Ein repräsentatives Werk, das dies symbolisiert, ist "Whose Utopia?" aus dem Jahr 2006. Der Schauplatz ist eine echte Glühbirnenfabrik. Dort tanzen die Arbeiter in den Pausen Ballett, zeigen Hip-Hop-Bewegungen und spielen Gitarre. Eine Fabrik ist ein Raum der Effizienz und Disziplin. Der menschliche Körper ist in die Produktionslinie integriert, und die Zeit wird genau verwaltet. Doch selbst in diesem Umfeld verschwinden die persönlichen Träume und der Wunsch nach Ausdruck nicht.

Cao Fei stellt die Arbeiter nicht nur als Symbole sozialer Probleme dar. Sie zeigt sie als "Träumer". Jemand tanzt. Jemand hält ein Instrument. Jemand tritt für einen Moment aus der ihm zugewiesenen Rolle heraus. Es ist keine große Revolution, aber gerade diese kleinen Gesten zeigen die Menschlichkeit.

In "RMB City", das zwischen 2007 und 2011 entstand, schuf Cao Fei eine fiktive Stadt auf der damals existierenden virtuellen Plattform "Second Life". Dort existierte ihr Avatar "China Tracy", der mit den Nutzern interagierte. Der Avatar nahm an Talkshows teil, führte Feng-Shui-Sitzungen durch und erlebte auch Liebesbeziehungen. Rückblickend scheint dieses Werk das Metaversum, virtuelle Identitäten und den digitalen Selbstausdruck vorweggenommen zu haben.

Damals war die virtuelle Welt noch ein experimenteller Spielplatz für einige wenige. Doch heute spielen wir im Alltag durch soziale Netzwerke, Spiele, Online-Meetings, KI-Chats, Avatare und Filter mehrere Identitäten. Gesicht, Stimme, Worte, Bilder, Hobbys und sogar Erinnerungen werden digital bearbeitet. Die virtuelle Stadt, die Cao Fei vor fast 20 Jahren schuf, ist längst keine besondere Zukunft mehr, sondern eine Verlängerung unseres Lebens.

In der aktuellen Ausstellung in Basel tritt auch Cao Feis neuer Avatar "Oz" auf. Eine glänzende humanoide Figur, die die Welten von Digitalem, virtuellen Räumen und Spielen durchquert. Wenn China Tracy ein Bewohner des frühen Metaversums war, dann ist Oz eine Figur, die in einer Ära von KI, Game-Engines und erweiterten digitalen Körpern geboren wurde. In dieser Welt werden die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, Körper und Daten, Charakter und Selbst immer unschärfer.

Diese Unschärfe ist der Kern von Cao Feis Werk. Sie preist die Technologie nicht einfach an. Aber sie stellt Maschinen und KI auch nicht einseitig als Bedrohung dar. Vielmehr untersucht sie, wie Technologie mit menschlichen Wünschen, Arbeit, Einsamkeit, Erinnerungen und Spielen verbunden ist. Was fühlt ein Mensch in einem automatisierten Lagerhaus? Sind Beziehungen, die in virtuellen Räumen entstehen, echt? Wo bleibt die menschliche Kreativität im KI-Zeitalter? Cao Feis Werke werfen solche Fragen auf.

Die Skate-Rampe am Eingang der Ausstellung in Basel ist in diesem Sinne symbolisch. Skateboarding ist eine Kultur, die in der Stadt entsteht und den Körperausdruck in den Lücken des kontrollierten öffentlichen Raums nutzt. Indem sie eine Skate-Rampe in den institutionellen Raum eines Museums bringt, öffnet Cao Fei die Frage: "Wem gehört die Stadt?" und "Wie frei kann sich der Körper bewegen?" Für ihre Werke ist die Stadt nicht nur Kulisse, sondern eine Bühne, auf der Menschen ihren Platz suchen, von gesellschaftlichen Veränderungen beeinflusst werden, aber dennoch etwas spielen und träumen.

Auch in den sozialen Medien zieht diese Ausstellung durch ihre visuelle Wirkung Aufmerksamkeit auf sich. Besonders die immersive Installation mit dem riesigen Bällebad lässt sich leicht in Fotos und Videos verbreiten. In öffentlichen Beiträgen wird sie als "eine der besten Ausstellungen dieser Saison" bezeichnet, und es gibt Reaktionen wie "muss man gesehen haben" sowie Besucherkommentare wie "einfach nur Spaß" und "endlich wieder in ein Bällebad gesprungen". Auch in Beiträgen von Museen und Kunstmedien wird das riesige Bällebad als Raum beschrieben, der die Grenzen von Spiel, Erinnerung und Vorstellungskraft verwischt.

Allerdings kann man die Ausstellung nicht nur durch den Spaß, der in den sozialen Medien vermittelt wird, verstehen. Sicherlich haben Cao Feis Installationen den Reiz eines Vergnügungsparks. Sie sind bunt, immersiv und laden zum Fotografieren ein. Doch hinter diesem Spaß verbirgt sich die Unsicherheit der modernen Gesellschaft. Spielen wir aus eigenem Willen? Oder werden wir von Bildschirmen und Plattformen geleitet? Fotografieren wir, um Erinnerungen zu bewahren? Oder erleben wir, um es in den sozialen Medien zu posten?

Cao Feis Werke präsentieren solche Fragen nicht als direkte Predigt. Sie unterhalten das Publikum zuerst. Und dann schleicht sich in diesen Spaß ein Gefühl der Unbehaglichkeit ein. Das Bällebad wirkt wie ein Kinderspielplatz, aber gleichzeitig auch wie die Tiefsee des Digitalen oder ein virtueller Raum. Die Avatare und Charaktere auf den großen Bildschirmen sind faszinierend, aber in dem Moment, in dem das Publikum seinen eigenen Körper damit vergleicht, wird der Abstand zwischen dem "realen Ich" und dem "Ich auf dem Bildschirm" bewusst.

Dieses Gefühl wird für uns im KI-Zeitalter immer wichtiger. KI schreibt Texte, erstellt Bilder, reproduziert Stimmen und führt Gespräche. Ein Teil der menschlichen Arbeit und Kreativität wird bereits von Maschinen unterstützt und ersetzt. Der Komfort nimmt zu. Doch gleichzeitig werden wir gefragt, wie einzigartig unsere Erfahrungen, unsere Worte und unser Körper sind.

Auch der Artikel der New York Times betont genau diesen Punkt. Cao Fei wird als Künstlerin vorgestellt, die über Technologie und Menschlichkeit nachdenkt und darüber, wie man im KI-Zeitalter ein "menschliches Leben" bewahren kann. Ihre Werke sagen nicht nur die Technologien der Zukunft voraus. Sie zeigen, wie sich der Mensch verändert, wenn die Technologie in das Leben eindringt.

Das gleichzeitig in der Fondazione Prada in Mailand stattfindende Projekt "Dash" von Cao Fei ist ebenfalls mit diesem Bewusstsein verbunden. "Dash" ist ein multimediales Werk, das sich mit den Auswirkungen der Technologie auf die Landwirtschaft in China und Südostasien befasst. Nicht nur Fabriken, Städte und das Metaversum, sondern auch Dörfer, Land, Glauben und Traditionen werden durch technologische Veränderungen beeinflusst. Cao Feis Interesse gilt nicht nur der Zukunft des digitalen Zeitalters. Vielmehr beobachtet sie, wie die ältesten menschlichen Tätigkeiten, wie Arbeit und der Bezug zum Land, durch Technologie umgestaltet werden.

In diesem Sinne ist Cao Fei sowohl eine Künstlerin der "Zukunft" als auch eine Künstlerin des "Lebens". In ihren Werken erscheinen riesige Systeme: Fabriken, Logistik, Städte, Plattformen, virtuelle Welten, KI. Doch im Zentrum steht immer der Mensch. Arbeiter, Jugendliche, jemand hinter einem Avatar, tanzende Körper, Zuschauer vor dem Bildschirm. Die Technologie mag wie der Protagonist erscheinen, aber sie ist tatsächlich ein Spiegel, der menschliche Emotionen hervorhebt.

Der Grund, warum Cao Feis Werke international anerkannt wurden, liegt genau darin. Sie zeigt die raschen Veränderungen in China, aber ihre Themen sind nicht auf China beschränkt. Globalisierung, Konsum, Logistik, Automatisierung, digitale Identität, KI, Technologisierung der Landwirtschaft. Diese sind weltweit im Gange. Deshalb erscheinen Cao Feis Werke im Basler Museum nicht als Geschichten aus einem fernen Land, sondern als Spiegel, der das eigene Leben reflektiert.

Der Ausstellungstitel "Testimonies to the Near Future" ist ebenfalls suggestiv. "Zeugnisse für die nahe Zukunft" ist ein seltsamer Ausdruck. Zeugnisse sind normalerweise Berichte über vergangene Ereignisse. Doch hier wird die Zukunft bezeugt. Das bedeutet, dass für Cao Fei die Zukunft nicht etwas ist, das noch nicht eingetroffen ist, sondern etwas, das bereits in der Gegenwart erscheint.

Arbeiter, die in einer Fabrik tanzen. Avatare, die in einer virtuellen Stadt lieben. Besucher, die in einem riesigen Bällebad versinken. Technologie, die in Dörfer eindringt. Kunst-Erlebnisse, die in den sozialen Medien verbreitet werden. Diese sind keine separaten Landschaften. Sie sind alle Fragmente der Welt, in der moderne Menschen bereits leben.

Menschlichkeit im KI-Zeitalter zu bewahren, bedeutet vielleicht nicht, vor der Technologie zu fliehen. Was Cao Feis Werke zeigen, ist eher das Gegenteil. In einer von Technologie umgebenen Welt, wie nutzt man seinen Körper? Welche Träume hat man? Welche Beziehungen geht man ein? Wo schafft man Freiräume? Darin bleibt das menschliche Leben bestehen.

Die Stadt von Cao Fei, die im Basler Museum erschienen ist, ist sowohl ein Gerät, das die Zukunft zeigt, als auch ein Spiegel, der die Gegenwart neu betrachtet. In den sozialen Medien wird sie als "unterhaltsame Ausstellung" verbreitet und in Kunstmedien als "must-see Ausstellung" vorgestellt. Doch hinter dieser hellen Oberfläche liegen tiefere Fragen.

Was verlieren wir in einer effizienteren Welt und was können wir nicht loslassen?

Cao Feis Antwort ist kein klarer Slogan. Doch in ihren Werken tanzen die Menschen noch immer. Sie treffen jemanden in einer virtuellen Stadt, träumen in einer Fabrik und suchen vor einem Bildschirm nach ihrem eigenen Bild. Auch wenn KI sich weiterentwickelt, Städte sich verändern und Arbeit neu organisiert wird, verschwinden diese kleinen Gesten nicht.

Diese Ausstellung ist also nicht dazu da, die Zukunft zu fürchten. Sie ist auch nicht dazu da, die Zukunft naiv zu feiern. Sie ist ein Ort, an dem wir, die bereits in der Zukunft leben, erneut darüber nachdenken können, was "menschliches Leben" bedeutet.


Quelle URL

NYT: Thema der Ausstellung, Cao Feis Karriere, Ausstellungsübersicht, repräsentative Werke "Whose Utopia?", "RMB City", neuer Avatar "Oz", Bewusstsein für Menschlichkeit im KI-Zeitalter
https://www.nytimes.com/2026/06/18/arts/design/cao-fei-kunstmuseum-basel.html

Offizielle Seite des Kunstmuseums Basel: Ausstellungsname, Laufzeit, Veranstaltungsort, Kurator, Ausstellungsübersicht, Bestätigung der städtischen Installationsstruktur
https://kunstmuseumbasel.ch/en/exhibitions/2026/cao-fei

Offizielle Veranstaltungsseite des Kunstmuseums Basel: Bestätigung, dass die Ausstellung als städtische Struktur konzipiert ist und sich mit Arbeit, Technologie, Erinnerung und Sehnsucht befasst
https://kunstmuseumbasel.ch/en/events/event-highlights/artist-talk-cao-fei

The Art Newspaper: Interview mit Cao Fei, ihre Sichtweise, dass ihre Werke später Realität werden, Bestätigung der Beziehung zum technologischen Kapitalismus
https://www.theartnewspaper.com/2026/06/17/cao-fei-the-scenarios-in-many-of-my-works-have-come-true-later

Offizielle Seite der Fondazione Prada: Übersicht über "Dash", Wert der Arbeit im KI-Zeitalter, Landwirtschaft und Technologie, Thema der Koexistenz von Mensch, Natur und Technologie
https://www.fondazioneprada.org/project/cao-fei-dash/?lang=en

Ocula: Bewertung von Cao Feis Werken, die dokumentarische und surreale/spekulative Elemente integrieren, Bestätigung der Hauptthemen
https://ocula.com/institutions/kunstmuseum-basel/exhibitions/cao-fei-testimonies-to-the-near-future/

Instagram-Post: Bestätigung der Reaktion in sozialen Medien, dass die Ausstellung als "eine der besten Ausstellungen dieser Saison" bezeichnet wird
https://www.instagram.com/reel/DY4szrlNMI7/

Instagram-Post: Bestätigung der Vorstellung und Reaktion auf den immersiven Raum mit dem riesigen Bällebad in den sozialen Medien
https://www.instagram.com/reel/DZkyYcHghwF/

Threads-Post: Bestätigung der Reaktion von Besuchern in sozialen Medien mit Kommentaren wie "Spaß" und "Pure Fun"
https://www.threads.com/%40rengelstoeckli/post/DZFpeGyjQnL/what-a-blast-pur-fun-cao-fei-china-artist-testimonies-to-the-near-future/